Albtraum Totgeburt: Wie geht man mit dem Tod des Babys um?

Leeres Bett - das Baby ist nicht da
Das Babybettchen bleibt leer. Wie geht man mit dem Trauma um?

Totgeburt: Wenn ein Baby nicht ins Leben kommen durfte

Eine menschliche Tragödie: Sabia Boulahrouz und Rafael van der Vaart haben ihr ungeborenes Töchterchen verloren. Es wurde „im Krankenhaus in Hamburg still geboren“. Nach nur 19 Schwangerschaftswochen. Das Baby sollte eigentlich erst im Frühling zur Welt kommen. Medizinisch gesehen handelt es sich dabei um eine Fehlgeburt oder Totgeburt. EIne Totgeburt liegt vor, wenn das Kind nach der Geburt mindestens 500 Gramm gewogen hat.

von Ursula Willimsky

Wenn ein Kind viel zu früh geboren wird oder gar schon im Mutterleib stirbt – über die medizinischen aber auch psychologischen Aspekte eines solchen Schicksalsschlages haben wir mit Prof. Dr. Reinhard Hackenberg gesprochen. Er ist Direktor zweier Frauenkliniken. Der erfahrene Mediziner versucht in solchen Fällen, den Eltern nicht nur medizinisch zu helfen. Denn „man darf ja nie vergessen, dass das Kind tatsächlich und ganz konkret schon da war. Vom Tag der Zeugung an wuchs es in der Mutter. Man konnte es zwar nicht sehen. Aber es war da. Es war Teil der Familie“. Und nun fehlt es. Schmerzlich.

Der erfahrene Mediziner spricht von einer „menschlichen Katastrophe“, wenn es zu einer Fehl- oder Totgeburt kommt. „Es ist immer ein Kind, das man verloren hat“. Deshalb raten seine Kollegen und Kolleginnen von der Frauenklinik „Am Gesundbrunnen“ in Heilbronn und der Frauenklinik „Am Plattenwald“ in Bad Friedrichshall Patienten mit einem solchen Schicksal dazu, Abschied zu nehmen von dem Baby. „Ein Foto zum Beispiel sollte gemacht werden. Vielleicht sogar ein Hand- oder Fußabdruck“, damit man Erinnerungen hat an den Menschen, den man verloren hat. So wie man es auch bei jedem anderen Angehörigen, der stirbt, machen würde.

Er begrüßt es sehr, dass inzwischen auch Kinder, die mit weniger als 500 Gramm zur Welt kommen, einen Namen tragen, im Stammbuch eingetragen und auch beerdigt werden dürfen. Als Alternative zur eigenen Beerdigung gibt es zum Beispiel in Heilbronn eine Grablege für „Schmetterlingskinder“, in der extrem früh geborene Föten anonym bestattet werden können. Sofern die Eltern das wollen, und das Kind nicht lieber im Familiengrab beisetzen lassen wollen.

Der erste Abschiedsschritt ist aber in den tragischen Fällen, von denen wir hier sprechen müssen, die Geburt des Kindes. Wenn zum Beispiel in einer frühen Schwangerschaftswoche die Fruchtblase reißt. Dann besteht die Chance, dass die Blase selbst wieder verheilt. Es besteht – die eher theoretische Chance –dass die Blase von außen verklebt werden kann. Es besteht aber auch das Risiko, dass das Kind zur Welt kommt, obwohl es noch nicht lebensfähig ist (in der Regel ist es das frühestens ab Woche 22 plus 0). Oder es kommt zu Blutungen. Manchmal stirbt das Kind im Mutterleib – plötzlich sind keine Herztöne mehr zu hören.

In diesen Fällen leiten die Ärzte eine Geburt ein. Das Kind wird in einem Akt des schmerzlichen Abschiedes von der Mutter auf natürliche Weise geboren.“ Wieso nur tut man Frauen das an?“ fragen wir den Mediziner. „Wieso versetzt man sie nicht in eine gnädige Narkose und holt das tote Kind per Kaiserschnitt?“ Dafür gibt es eine medizinisch nachvollziehbare Antwort: Jeder Kaiserschnitt ist eine schwere OP – und damit ein Risiko für die Frau. Und jeder Kaiserschnitt stellt auch ein Risiko für die nächste Schwangerschaft dar. „Wir versuchen, die Bedingungen für das nächste Kind so optimal wie möglich zu machen. Auch in dieser extremen Situation“, sagt Prof. Dr. Reinhard Hackenberg.

Was Betroffene nach einer Totgeburt beachten müssen

Zwei Fehlgeburten gelten als relativ unbedenklich. Ab der dritten Fehlgeburt sollte die Frau sich in besonders aufmerksame medizinische Obhut geben. Generell rät Hackenberg Schwangeren dazu, auf sich und Warnsignale ihres Körpers zu hören. Egal, welche Vorgeschichte sie haben. Bei Blutungen oder Fruchtwasserabgang sollten sie sich ohnehin an ihre Klinik wenden, „sie sollten aber auch schon kommen, wenn sie einfach nur das Gefühl haben, dass etwas nicht stimmt. Weil sie zum Beispiel bei größeren Babys keine Bewegungen mehr spüren“, sagt Hackenberg. „Was sie nicht haben dürfen, ist falsche Scham oder die Angst, als hysterische Schwangere abgetan zu werden. Denn es geht ja um ihr Baby.“ Und selbst wenn das medizinische Personal einen am Samstagabend nach der Untersuchung mit einem „Das wär jetzt aber echt nicht nötig gewesen“ wieder heimschickt - man weiß dann wenigstens, dass alles in Ordnung ist.

Zwar endet rein statistisch mindestens jede zweite Schwangerschaft mit einem Abort. Doch von den meisten Fehlgeburten bekommen die Frauen nichts mit. Salopp gesagt: Ihre Periode kommt einfach ein bisschen später als sonst. Eine tragische Komponente bekommt die Fehlgeburt, wenn die Frau bereits wissentlich schwanger war, angefangen hat, sich auf das Baby zu freuen. Vielleicht schon auf Ultraschall- oder 3D-Bildern ganz genau erkennen konnte, welche Nase es hat. Seine Bewegungen gespürt hat.

Für Eltern mag es kaum einen Unterschied machen, ob ihr Kind als Fehlgeburt zur Welt kam oder als extreme Frühgeburt (die Unterscheidungsgrenze verläuft an der Frage entlang, ob das Kind prinzipiell lebensfähig wäre, auch wenn es tatsächlich keine Überlebenschance hat). Für die Eltern dieser Kinder bleibt es ein Baby, das sie verloren haben.

Oft ist nur vom Schmerz der Mütter die Rede. Doch auch die Väter erleiden diesen Verlust. Sie waren bei den Voruntersuchungen dabei, haben sich genauso auf das Kleine gefreut, vielleicht schon das Kinderzimmer eingerichtet… Beide Eltern erleiden einen Schmerz, mit dem sie arbeiten müssen. Manche finden Trost in Gesprächen mit Familienangehören oder Freunden. Manche wenden sich an eine Selbsthilfegruppe oder einen Therapeuten. Oder suchen Hilfe bei Hebammen, die auf die Betreuung von Müttern in dieser Ausnahmesituation spezialisiert sind.

Und bei vielen erwacht bald wieder der Kinderwunsch. Wer nach einer Fehlgeburt oder extremen Frühgeburt wieder schwanger werden möchte, sollte – so Professor Hackenberg – allerdings drei Monate warten. Erst dann hat sich der Gebärmutterhals wieder verschlossen und stabilisiert. Die Schleimhaut hat mehrere Zyklen durchlaufen und sich so regeneriert – die Placenta kann sich möglichst störungsfrei bilden. Und so dem Wunschkind optimale Bedingungen für den Weg ins Leben bieten.

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