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Aggression: Wenn Frauen ausrasten

Aggression bei Frauen kommt immer häufiger vor
Aggression bei Frauen: Auf dem Weg zur Arbeit schon aggressiv? © CHIOSEA_ION

Frauen werden immer aggressiver

Frauen, die in der Einkaufsschlange austicken, weil es nicht schnell genug voran geht. Mütter, die sich an den Haaren ziehen, weil sie als erste den Platz auf der Warteliste für den Schwimmkurs ergattern wollen, Rentnerinnen, die den Gehwagen als Panzer benutzen... Okay, ganz so weit ist es noch nicht mit uns gekommen, aber Studien zeigen: Frauen werden immer aggressiver - und das auch in der Öffentlichkeit. Woran liegt es, dass das schwache Geschlecht neuerdings so eine unerwartete - und meist völlig unangebrachte - Härte zeigt?

Von Merle Wuttke

Kennen Sie diese Tage auch, an denen alles, wirklich alles schief läuft? Morgens kocht die Milch für den Kaffee über, der Kajal bricht ab, die Kinder trödeln beim Anziehen. Auf dem Weg ins Büro sind nur Sonntagsfahrer unterwegs, und der Kollege, der Sie sowieso jeden Tag halb in den Wahnsinn treibt, schleimt sich mit einer billigen Masche bei der Chefin ein. Und Sie wissen: Was so angefangen hat, wird auch so weiter gehen, und am Abend werden Sie völlig erschöpft ins Bett fallen, mit einer Wut im Bauch, die Michael Douglas in dem Film "Falling Out" wie ein friedliches Sandmännchen aussehen lässt. Der Unterschied: Ihre Wut bleibt im Bauch. So lange, bis Sie sie nicht mehr kontrollieren können.

Aggression bei Frauen: Rächerinnen des Alltags

Passiv-aggressiv nennt man das in Psychologendeutsch. Nach außen immer schön still halten, innerlich kochen. Das führt irgendwann zu so weiblichen Aggressionsmustern wie bei einem Auto den Lack zerkratzen, Kinder oder Ehemänner verbal terrorisieren oder schlimmstenfalls zur Selbstverletzung. Frauen können, anders als Männer, ihre Aggressionen nicht sofort durch lautes Schreien oder Macho-Gehabe abbauen. Dabei müssen sie sich mittlerweile durch stressige Jobs, finanziellen Druck und hohe Ansprüche ans Aussehen gleich auf mehreren Gebieten ihres Lebens mit Konflikten, Grenzüberschreitungen und Angriffen auseinander setzen. In Großbritannien ist es jedenfalls zu einem Fünfjahreshoch in Sachen Gewalt-Krimininalität von Frauen gekommen: Viele wissen sich einfach nicht mehr anders zu helfen als mit einem Ausbruch in Form von Schlägen und Ausrastern.

Der Grund dafür, dass Frauen ihren Zorn viel zu lange in sich aufstauen, liegt bei den meisten schon in der Kindheit begründet. Noch immer werden Mädchen von ihren Müttern dazu angehalten, lieb, nett, höflich und angepasst in der Öffentlichkeit aufzutreten. Selbstbewusst ja, aber bitte nicht aggressiv. Oder wie oft sehen Sie Mädchen auf dem Spielplatz mit Stöcken gegeneinander kämpfen? Dabei wäre es gut, wenn wir von Anfang an lernen würden, dass Aggression zu uns als Person gehört und wir davon ja auch eine gute Portion fürs Leben gebrauchen können: um Ziele zu verfolgen und aufzustehen, wenn jemand unsere Grenze verletzt. Aggression war für Menschen jahrtausendelang überlebenswichtig. Heute setzen wir sie nur leider falsch ein.

Okay, es ist auch niemandem geholfen, wenn er bzw. sie, sich jetzt mit jedem auf der Straße anlegt, der nicht so will, wie man selbst. Erst sollte man nach den Gründen für die eigene versteckte Aggression suchen: Was setzt mich so sehr unter Druck, dass ich damit nicht klar komme? Mute ich mir vielleicht zu viel im Alltag zu, traue ich mich nicht, offen mehr Unterstützung einzufordern, weil ich nicht schwach wirken will? Aber genau das wäre Stärke zeigen: wenn man weiß, da brauche ich Hilfe. Auch ein Sport, der es einem leicht macht, das Adrenalin loszuwerden - wie Boxtraining, Power-Fitness oder Ähnliches - kann helfen, die Wut in eine positive Richtung zu lenken. Und schließlich muss man lernen, im richtigen Moment den Mund aufzumachen. Also, nicht schlagen meine Damen, sondern reden!

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