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Adoptivkind aufklären: Wann erzählt man dem Kind, dass es adoptiert ist?

Adoptivkind aufklären: Wann erzählt man dem Kind, dass es adoptiert ist?

Wann sollte man Kinder von leiblichen Eltern erzählen

"Ach Mist, wie sag ich es am besten - vielleicht so: Also, ich bin zwar dein Papa aber eigentlich äh, bin ich die Mama und dafür ist die Mama gewissermaßen der Papa, verstehst du?" Zugegeben das ist jetzt ein extremes Gespräch, das Eltern mit ihrem Kind führen müssen - weil sie beide Transgender sind. Aber Millionen andere kennen diese Situation: Wie und wann sag ich meinem Kind am besten, dass wir eben nicht das "normale" Papa-Mama-Kind-Paket sind?

Von Dagmar Baumgarten

Mann, was haben sich unsere Großeltern damals angestellt, ihre Kinder aufzuklären. Dabei ging es damals nur um Bienen und Blumen. Heutzutage ist längst nicht mehr die Frage, wie ein Kind entsteht, kompliziert, sondern warum die Bienen und die Blumen so oft wechseln. Warum fallen uns diese Gespräche so schwer? Wo wir doch eigentlich unseren Kindern nur erzählen müssen, was los ist? Weil sich hinter den nüchternen Fakten riesige Emotionen verbergen. Vor allen Angst vor Verletzungen und Angst vor Enttäuschungen.

In unseren Köpfen herrscht immer noch der Idealfall, dass Papa und Mama sich lieb haben, ein Kind entsteht, und wächst in der glücklichen Familie auf. Alles was von dieser Norm abweicht, muss man seinem Kind also irgendwie erklären. Zum Beispiel: Dein Papa ist übrigens gar nicht dein Vater! Diese Variante ist mittlerweile so häufig, dass sie nicht mehr mit einem gesellschaftlichen Makel behaftet ist. Da ist das Schwerste zu erklären, warum Mutter und Vater sich getrennt haben, und den Kindern zu erklären, dass das absolut nichts mit ihnen zu tun hat. Viele Kinder reden sich ein, dass sie durch ihr Verhalten womöglich mitschuldig sind, dass die Ehe ihrer Eltern in die Brüche gegangen ist.

Viel schwieriger ist da schon die Variante: Wir sind übrigens beide nicht deine Eltern, denn du wurdest adoptiert. Oft wird Kindern das gar nicht gesagt! Weil man Angst hat, sie zu verletzen. Denn es entsteht bei ihnen das Gefühl, dass sie nicht erwünscht oder nicht gut genug für ihre Eltern waren. Sie fühlen sich dann wie Zweite-Wahl-Kinder. Oft genug zieht es ihnen den Boden unter den Füßen weg, wenn sie erfahren, dass ihre eigenen Eltern sie weggegeben haben. Die Grundfragen eines Menschen stehen plötzlich im Raum: Wo komme ich her? Wieso bin ich so, wie ich bin? Oft folgt deshalb eine jahrelange verzweifelte Suche nach den "richtigen", also den biologischen Eltern. Trotzdem ist es keine Lösung, das Thema totzuschweigen.

Eine positive Grundhaltung ist sehr wichtig

Für alle diese Gespräche gilt: Sie sollten so früh wie möglich stattfinden. Das kann laut Psychologen durchaus schon im dritten Lebensjahr des Kindes sein. Es muss auf jeden Fall früh genug sein: So sollten Kinder von ihrer Adoption oder vom biologischen Vater, der die Mutter noch vor der Geburt verlassen hat, nicht durch Zufall oder von Dritten erfahren. Denn das bedeutet einen Vertrauensbruch, der schwer wieder gut zu machen ist. Dieses Enttäuschung, dieses "Ihr habt mich die ganze Zeit belogen"-Gefühl ist oft viel verletzender als die eigentliche Tatsache, die man aus falscher Rücksicht verschwiegen hat.

Aber wie sagt man dem Kind am besten: "Du ich, bin gar nicht dein Papa!" Oder: "Wir sind gar nicht Deine Eltern!" Ganz wichtig ist die positive Grundhaltung, mit der ein solches Gespräch stattfindet. Martin Pinquart, Professor für Entwicklungspsychologie, gibt folgende Empfehlung: "Man kann jetzt zum einen kommunizieren, du bist nicht erwünscht gewesen, man kann aber auch anders kommunizieren, dass die biologischen Eltern nicht in der Lage waren, sich um das Kind zu kümmern. Aber diese Eltern wollten, dass das Kind in einer guten Familie aufwächst. Eltern, die sich um das Kind gut kümmern können, die das Kind lieben werden. Wenn man eine solche positive Botschaft vermittelt, dann sollte das, denke ich, nicht damit verbunden sein, dass man sich als Kind zweiter Wahl erlebt" .

Vor einer ganz anderen Herausforderung stehen homosexuelle Paare. Ihnen fällt es leichter, dem Kind klar zu machen, dass es ein absolutes Wunschkind ist und weil meistens sogar enorme Mühen in Kauf genommen wurden, zum Beispiel mit künstlicher Befruchtung oder Leihmutterschaften. Da gilt es eher dem Kind genug Selbstbewusstsein mitzugeben und alle fragen ohne Tabus zu beantworten. Zahlreiche glückliche Kinder aus Patchwork oder auch gleichgeschlechtlichen Haushalten zeigen, dass der offene Umgang mit den Kindern noch immer der beste ist.

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