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Abtreibung: Trennung vom Baby

Abtreibung: Trennung vom Baby
Für viele Frauen eine schwierige Entscheidung: Ungewollt schwanger - sollte man dann an eine Abtreibung denken? © Fotolia Deutschland, redhorst - Fotolia

Eine Abtreibung ist eine schmerzliche Erfahrung

Eine Abtreibung ist für viele Frauen eine schwierige Entscheidung und ist in jedem Fall eine schmerzliche Erfahrung. Noch nach vielen Jahren leiden Frauen unter psychischen Schäden, die verbunden sind mit Traurigkeit, Reue, Schuld- oder Verlustgefühlen. Doch warum entscheiden sich Frauen für eine Abtreibung und gegen das eigene Baby?

Von Kerstin Kraska

Häufige stehen die Sterne nicht gut, um ein Kind zu bekommen. Denn eine Schwangerschaft berührt jeden Lebensbereich: Beruf, Ausbildung, Familie, Partnerschaft und Geld. Und wenn dann der Zeitpunkt der Schwangerschaft ungünstig ist, erwägen nicht wenige Paare eine Abtreibung. Rund 130.000 Frauen in Deutschland entscheiden sich jährlich zu diesem Eingriff. Drei Frauen, die eine Abtreibung hinter sich haben, erzählen bei Frauenzimmer.de ihre Geschichten über die schwierige Trennung vom eigenen Baby und wie sie die Abtreibung verarbeitet haben.

"Nach der Abtreibung: Es waren Zwillinge!"

Anne, 43 Jahre: Ich war gerade 18 Jahre alt geworden, und frisch verliebt. Rolf war Motorradfahrer, etliche Jahre älter als ich, und ein richtig cooler Typ. Wir haben viel unternommen, waren an den Wochenenden viel unterwegs und fuhren von Biker-Kneipen zu Biker-Partys. Ich stand kurz vor meinem Abi, und ich muss sagen, dass ich zu dieser Zeit nicht wirklich viel geregelt bekommen habe. Mit meinen Gedanken war ich eben immer woanders, nie beim Lernen oder bei den anstehenden Klausuren. Das Leben machte einfach zu viel Spaß, um es am Schreibtisch oder in der Schule zu verbringen.

Eines Tages blieb meine Periode aus. Da ich öfters Zyklusschwankungen hatte, gingen die Alarmglocken nicht gleich bei mir an. Ich dachte mir: Das wird schon. Etwas unruhig wurde ich dann nach etwa einer Woche: Ich hatte immer noch keine Blutungen. Ich fing an, mir Gedanken zu machen, war aber ziemlich sicher, dass sich alles bald in Wohlgefallen auflösen würde.

Zwei Wochen später wollte ich es genau wissen: Meiner zwei Jahre älteren Schwester hatte ich schon erzählt, was passiert war. Und sie hatte mich die ganze Zeit über gedrängt, doch einen Schwangerschaftstest aus der Apotheke zu machen. Aber ich wollte weiter abwarten, konnte es einfach nicht glauben, dass eine Schwangerschaft überhaupt im Bereich der Möglichkeiten lag. Aber nun war ich da nicht mehr so sicher.

Ich fuhr mit meiner Schwester zu einer etwa 10 Kilometer weit entfernten Apotheke, dorthin, wo uns keiner kannte. Mit klopfendem Herzen machte ich etwas später zu Hause den Test. Die Wartezeit zog sich endlos, und ich wurde immer nervöser. Endlich war die Zeit um, und ich sah auf den Teststreifen: Das Ergebnis leuchtete mir in Form zweier, farbiger Streifen entgegen - ich war schwanger! Ich konnte es nicht glauben, und auch meine Schwester war richtig erschrocken! Nach dem ersten Schock empfahl sie mir, den Test zu wiederholen. Wir fuhren zu einer anderen Apotheke und kauften einen zweiten Teststreifen. Doch auch dieses Mal blieb das Ergebnis gleich. Ich war 18, Schülerin - und schwanger von einem arbeitslosen Motorradfahrer!

Der Schock saß tief. Die nächsten beiden Tage ging ich nicht aus dem Haus, und ließ mich auch am Telefon verleugnen. Offiziell war ich stark erkältet und fühlte mich nicht wohl. Ich lag auch den ganzen Tag im Bett, aber in meinen Gedanken kreiste alles um das Baby in meinem Bauch. Wie sollte ich das alles schaffen? Ein Kind bekommen, aufziehen, für das Kind sorgen? Was würde Rolf überhaupt dazu sagen, oder meine Eltern? Wie sollte ich es ihnen erklären?

Nach ein paar Tagen hatte ich mich soweit beruhigt, dass ich wieder zur Schule gehen konnte. Ich traf mich auch mit Rolf, sagte ihm aber kein Wort. Ich hatte beschlossen, erst mal abzuwarten und das Thema auszusitzen - zumindest in den nächsten Wochen. Also lebte ich weiter wie bisher, und außer meiner Schwester Eva wusste keiner von meinem Geheimnis. Ich hatte sie beschworen, auf keinen Fall unseren Eltern gegenüber auch nur ein Wort zu sagen. Eva bekniete mich aber, zumindest zu unserer Frauenärztin zu gehen und mich untersuchen lassen. Als ältere Schwester fühlte sie sich mir gegenüber verantwortlich - und ich sollte endlich mal mit Rolf reden.

Abtreibung als letzter Ausweg?

Abtreibung: Trennung vom Baby
Wie verhalten sich junge Männer, wenn sie von der Schwangerschaft der Partnerin hören? © Fotolia Deutschland

Ich erinnere mich noch genau an dem Moment, als ich Rolf gegenüber saß. Er war guter Stimmung, hatte gerade wieder einen Job in einer Werkstatt bekommen: Schrauben und basteln, das machte ihm neben Motorradfahren am meisten Spaß. Sein neuer Chef war begeistert von ihm, und Rolf plante nun für die kommenden Monate: Er wollte mit mir in den Urlaub fahren, wir beide, zusammen auf seinem Motorrad. Spanien, Italien, Südfrankreich - das würde herrlich werden! Ihm fiel gar nicht auf, wie kleinlaut ich dabei saß. Schließlich fasste ich mir ein Herz und eröffnete ihm, dass ich erst mal nirgendwo hin fahren könne. Er stutzte, dann lachte er: Na klar, die Abiturprüfungen! Die müsse ich natürlich erst machen, aber danach… Ich schüttelte den Kopf: Nein, da war noch etwas anderes! Er stutzte, und dann platzte ich mit der Wahrheit heraus: Ich bin schwanger! Rolf war wie vor den Kopf geschlagen, verhielt sich aber ritterlich. Nach dem ersten Schock nahm er mich in den Arm und tröstete mich. Gemeinsam saßen wir eine Weile da, schweigsam, bis er mit der Sprache rausrückte: Er kenne da eine Klinik in Holland, dorthin könnten wir fahren… Ich begriff zuerst nicht genau, was er meinte. Aber dann dämmerte es mir: Ich sollte abtreiben!

Jetzt war ich ziemlich bestürzt, denn über diese Möglichkeit hatte ich noch nicht wirklich nachgedacht. Als Rolf mir gegenüber davon sprach, musste ich das erst einmal verdauen. Er wollte das Kind, "unser" Kind also nicht! Und wollte ich es denn? Diese Frage drängte sich mir jetzt mit aller Macht auf. Ich musste das Baby ja nicht behalten - ich hatte die Wahl! Völlig verwirrt ging ich an diesem Tag nach Hause, schloss mich in meinem Zimmer ein und war für niemanden zu sprechen.

Rolfs Haltung zu meiner Schwangerschaft war nun klar. Er hatte nicht böse geklungen, oder verärgert, sondern hatte ganz sachlich von der Abtreibung gesprochen. Ein Kind passte ganz und gar nicht in seine Welt. Und in meine? Ich war 18 Jahre alt, und sollte in wenigen Monaten mein Abitur machen - der Himmel allein wusste, wie! Mit Rolf war ich seit vier Monaten zusammen. Es machte Spaß, ich liebte ihn - aber als Ehemann und Vater sah ich ihn nicht. Und ich selbst fühlte mich noch viel zu jung, um Mutter zu sein. Es dauerte noch eine Weile, ehe ich es mir eingestand: Ich wollte nicht schwanger sein, wollte keine Kinder - jedenfalls jetzt noch nicht. Eigentlich hatte ich immer den Wunsch gehabt, Stewardess zu werden, die Welt zu bereisen - diesen Traum sah ich nun zerplatzen. Es kostete mich ein paar schlaflose Nächte, aber dann stand mein Entschluss fest: Ich würde abtreiben. Zuerst sagte ich es Eva, meiner Schwester. Sie schwankte zwischen Schock und Erleichterung, hielt aber zu mir. Dann sagte ich es Rolf. Er nickte nur stumm und hielt mich im Arm. Die Sache war beschlossen.

War die Abtreibung die richtige Entscheidung?

An einem kalten Frühjahrstag stieg ich zu meinem Freund aufs Motorrad, und wir fuhren nach Holland. Rolf war sehr lieb und fürsorglich, hatte uns dort ein Hotelzimmer gemietet. Er meinte, nach dem "Eingriff" würde ich mich nicht gleich auf das Motorrad setzen können. Meinen Eltern erzählte ich etwas von einem Kurzurlaub, und Eva drückte mir die Daumen zum Abschied. Die Klinik in Holland war klein, aber sauber, und alle Mitarbeiter sehr freundlich. Dennoch fühlte ich mich furchtbar elend, als ich aus der Narkose wieder erwachte und wusste: Es war vorbei. Irgendwie hatte ich mir die ganze Sache einfacher vorgestellt.

Rolf holte mich später ab und wir fuhren ins Hotel. Er sah sehr bedrückt aus, und ich fragte ihn, was los sei. Bereute er die Abtreibung jetzt etwa? Hatten wir vorschnell entschieden? Als er mir den Grund für seine Traurigkeit nannte, stockte mir kurz der Atem: Ich war schwanger gewesen - mit Zwillingen! Diese Nachricht überwältigte mich so, dass ich anfing zu weinen, und zwei Tage lang nicht mehr aufhören konnte. Ich war am Boden zerstört: Zwei kleine Babys - und ich hatte sie verloren! Das war zu viel für mich!

Zum Glück hatte ich Rolf dabei, der sich wirklich rührend um mich kümmerte: Er streichelte und massierte mich, brachte mir Leckereien zu essen, Blumen, Schokolade und Wein. Nichts half. Meine depressive Stimmung hielt an. Und so war ich immer noch verheult, als mich Rolf ein paar Tage später wieder zu Hause absetzte. Meinen Eltern erzählte ich, wir hätten uns getrennt. Nur Eva wusste, was wirklich passiert war.

Mein Abitur schaffte ich Wochen später mit der denkbar schlechtesten Note, einer glatten Vier. Hätte ich auch nur einen Punkt weniger gehabt, wäre ich durchgefallen. Mir war das egal. Die Abtreibung war ein einschneidendes Erlebnis in meinem jungen Leben gewesen, so dass ich dachte, jetzt kann mich nichts mehr schocken. Die Sache mit Rolf lief so langsam aus. Wir hatten keinen Streit, keine Aussprache, aber eines Tages war es einfach vorbei. Und irgendwann hatte ich auch die Abtreibung verkraftet. Ich reiste um die Welt, studierte, und wurde Fremdsprachen-Sekretärin. Es gab den einen oder anderen Freund, und schließlich heiratete ich sogar. Unsere Ehe blieb kinderlos. Nach nur drei Jahren war ich wieder geschieden.

Heute bin ich Single, über 40 Jahre alt, und kann keine Kinder mehr bekommen: Vor einigen Jahren musste mir die Gebärmutter entfernt werden. Jetzt muss ich hin und wieder an die Zwillinge denken, die ich hätte haben können. Sie wären jetzt 25 Jahre alt. Oft frage ich mich, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich mich anders entschieden hätte. Ob ich wohl einen Mann hätte, ein Haus, ein glückliches Familienleben? Ich weiß es nicht. Und ehrlich gesagt möchte ich auch nicht so genau darüber nachdenken.

"Meine Eltern zwangen mich zur Abtreibung"

Abtreibung: Trennung vom Baby
Wenn Eltern zur Abtreibung drängen, ist das eine bittere Erfahrung für junge Frauen. © Benicce - Fotolia

Elke, 28 Jahre: Ich bin in einer erzkatholischen Familie in Süddeutschland aufgewachsen. Meine Eltern legten großen Wert darauf, dass mein Bruder und ich jeden Sonntag mit ihnen in die Kirche gingen, die Beichte ablegten, und das Wort Gottes nicht nur ernst nahmen, sondern auch lebten. Als gläubige junge Frau hatte ich natürlich auch wenig Umgang mit Jungs, ich durfte vor meinem 18. Lebensjahr kaum zu Partys oder in die Disco gehen, weil meine Eltern in allen Vergnügungen das reinste Teufelswerk sahen.

Gerd traf ich allerdings nicht bei einer der verpönten Partys, sondern bei einem Bibeltag. Ich war inzwischen 21 Jahre alt geworden, machte eine Ausbildung zur Buchhändlerin und war noch Jungfrau. Natürlich wohnte ich noch zu Hause, unter den wachsamen Augen meiner Mutter, die penibel darauf achtete, dass ich nicht zu "aufreizend" angezogen war. Dementsprechend langweilig sah ich dann auch aus. Statt hautenger Jeans trug ich meistens knielange Röcke, flache Schuhe und brave Blusen. Ich sah damals wohl doppelt so alt aus, wie ich in Wirklichkeit war.

Dennoch interessierte sich Gerd für mich, und ich mich für ihn. Ich hatte meine Eltern zu dem Bibeltag gefahren und versprochen, dabei zu bleiben. Noch so ein langweiliger Sonntag, ging es mir durch den Kopf. Allerdings hatte ich auch nichts Besseres vor. Die Kirchenveranstaltung fand in einem benachbarten Ort statt, wo vor kurzem ein neuer katholischer Pfarrer sein Amt angetreten hatte: Ein junger Mann, der gerade sein Studium hinter sich hatte. Er war aus München hierher aufs Land gezogen, und lebte nun mit seinem Bruder und dessen Familie in einem renovierten, alten Bauernhaus. Der Bruder hieß Gerd, war Anfang 30, verheiratet, und Vater von zwei kleinen Kindern.

Ein Date mit einem verheirateten Mann

Um es kurz zu machen: Ich verbrachte einen sehr interessanten und aufregenden Tag, denn zum ersten Mal war ein Mann wirklich um mich bemüht. Kaum dass wir uns vorgestellt hatten, versorgte mich Gerd mit Kuchen und Getränken, führte mich herum, und wir redeten stundenlang miteinander, als würden wir uns schon ewig kennen. Gerds Frau hatte mit den Kindern zu tun, meine Eltern waren beschäftigt, und so kam es mir fast vor, als hätten Gerd und ich ein Date. Zum Abschied gab er mir die Hand, sah mir tief in die Augen, und beteuerte, es wäre ein wundervoller Tag gewesen! Das fand ich auch, ich schwebte wie auf Wolken und war glücklich: Ich hatte mich verliebt!

Schwanger? - Eine unfassbare Schande!

Ein paar Tage später stand Gerd bei mir in der Buchhandlung. Er ließ sich von mir beim Kauf eines Krimis beraten und lud mich zum Dank auf eine Tasse Kaffee ein. Aus dem Kaffee wurde in der Woche darauf ein Mittagessen, dann eine Abendeinladung. Mir war bewusst, dass ich mich mit einem verheirateten Mann einließ, und dass dies allein schon eine große Sünde war - aber es war mir egal. Ich war verliebt, glücklich, und dachte nicht an die Konsequenzen.

Dann blieb meine Periode aus. Sofort besorgte ich mir einen Schwangerschaftstest, der mir Gewissheit gab: Ich war schwanger. Von Gerd! Ich war nun völlig verstört und überlegte fieberhaft, was ich tun sollte. Doch die Entscheidung sollte mir sehr bald abgenommen werden.

Meine allseits wachsame Mutter hatte natürlich gespürt, dass ich in den vergangenen Wochen irgendwie anders war als sonst: Ich strahlte, ging häufig aus, und wagte es sogar, einen Hauch von Schminke aufzutragen! Also spionierte sie mir nach, und fand in meinem Zimmer den Test aus der Apotheke. Nun brach die Hölle los! Für meine gläubigen Eltern war es eine unfassbare Schande, dass ihre unverheiratete Tochter schwanger war. Sie nahmen mich in die Zange, ins Kreuzverhör, und pressten alles aus mir heraus, was sie wissen wollten. Ich war über die Heftigkeit ihres Zorns völlig verschreckt und gestand ihnen sogar, dass der Vater meines ungeborenen Kindes bereits verheiratet ist. Das brachte das Fass zum Überlaufen: Mein Vater schnappte mich, sperrte mich in mein Zimmer ein und drohte "Konsequenzen" an.

Eine Abtreibung gegen den Willen der Mutter

Abtreibung: Trennung vom Baby
Wer trägt die Verantwortung über eine Abtreibung?

Da saß ich nun: 21 Jahre, keine Jungfrau mehr, dafür schwanger von einem Mann, mit dem es keine gemeinsame Zukunft gab. Ich konnte Gerd nicht einmal anrufen, denn meine Mutter hatte mein Handy bereits konfisziert. So verbrachte ich eine schlaflose Nacht. Am nächsten Morgen schnappte mich meine resolute Mutter, und wir fuhren gemeinsam nach München. Ich wusste nicht, was mit mir geschah, denn durch den Schock und die Angst vor meinen Eltern war ich völlig benebelt. Ich fand mich in einer modernen Arztpraxis wieder und meine Mutter sprach von "Untersuchung". Willenlos legte ich mich auf den Behandlungsstuhl. Der Arzt bestätigte meine Schwangerschaft, und dann redeten er und meine Mutter über eine Abtreibung.

In diesem Moment hätten bei mir alle Alarmglocken schrillen müssen, aber ich war wie gelähmt. Apathisch erledigte ich, unterstützt von meiner Mutter, alle Formalitäten und wir vereinbarten über den Arzt einen Termin für die Abtreibung in einer Klinik. Dann fuhren wir zurück nach Hause. Auf dem Rückweg sprach ich mit meiner Mutter kein Wort, aber in meinem Kopf ratterte es. Abtreibung - allein schon dieses Wort war mir zuwider. Und das sollte ich jetzt tatsächlich mit mir machen lassen? Mir war auch ein Rätsel, wie meine Mutter dies zulassen konnte! War denn die katholische Kirche nicht eigentlich gegen Abtreibung, gegen die Tötung des ungeborenen Lebens? Ich verstand die Welt nicht mehr. Einmal wagte ich es, meine Mutter danach zu fragen. Sie sah mich aber nur mit einem eiskalten, bitterbösen Blick an und sagte: "Fragst nix mehr, Kind! Machst halt, wie ich es sag!"

Drei Wochen später fuhren wir wieder nach München, dieses Mal direkt in die Klinik. Gerd hatte ich in der Zwischenzeit nur zweimal kurz in der Buchhandlung gesehen. Treffen konnte ich mich mit ihm nicht, denn meine Mutter achtete streng darauf, dass ich nun keinen Abend mehr außer Haus verbrachte. Sie behandelte mich wie ihre Gefangene.

Panik kurz vor der Abtreibung

Im Krankenhaus angekommen, fühlte ich mich so elend und verlassen, dass ich einfach nur sterben wollte. Man brachte mich in den OP, und alles wurde vorbereitet. Als ich auf dem OP-Tisch lag, und der Anästhesist mit mir sprach, fiel mir auf, dass mich nie jemand gefragt hatte, ob ich überhaupt abtreiben will! Meine Eltern hatten dies ganz allein entschieden und mich praktisch dazu gezwungen! In dem Moment wurde mir klar, dass ich das Kind behalten wollte - auch wenn Gerd verheiratet war und nie mit mir leben würde: Ich wollte dieses Kind! Panisch fing ich nun an, mich zu bewegen, wollte etwas sagen - aber in der nächsten Sekunde wirkte schon die Narkose. Als ich aufwachte, war alles vorbei. Das Kind war fort, und ich fühlte mich leer und einsam.

Von nun an spürte ich diesen Schmerz. Er war nicht körperlich, sondern seelisch. Ich trauerte um das verlorene Baby. In den kommenden Wochen lebte ich wie in Trance. Überall sah ich glückliche Mütter mit ihren Kindern, die Bilder verfolgten mich nicht nur tagsüber, sondern auch nachts, im Traum. Langsam wurde mir klar, dass die Abtreibung ein großer Fehler gewesen war, den ich aber nicht mehr rückgängig machen konnte.

Eine Abtreibung ist ein traumatisches Erlebnis

Nach außen hin ging mein Leben weiter wie bisher. Ich beendete meine Ausbildung als Buchhändlerin. Mein Vater hatte mit Gerd ein ernstes Wort "unter Männern" gesprochen. Als Folge davon mied mich mein ehemaliger Geliebter nun wie der Teufel das Weihwasser. Unsere schöne, aber kurze Affäre war endgültig beendet. Das traumatische Erlebnis der Abtreibung hatte aus mir einen anderen Menschen gemacht. Langsam war ich aus der Starre erwacht, die mich gefangen hielt, seit ich von der Schwangerschaft erfahren hatte. Ich konnte nun gar nicht mehr begreifen, wieso ich mich von meinen Eltern zu der Abtreibung habe drängen lassen. Immer, wenn ich versuchte, mit ihnen darüber zu reden, wichen sie aus und gaben mir zu verstehen, dass es da nichts mehr zu besprechen gäbe: Die Sache war gelaufen. Aus und vorbei.

Aber nicht für mich. Ich fühlte mich zunehmend unwohl in meiner engen, familiären Umgebung, und beschloss, ein neues Leben zu beginnen. Der einzige, mit dem ich darüber sprechen konnte, war mein älterer Bruder. Er unterstützte mich in meinen Plänen, und so eröffnete ich meinen verdutzten Eltern eines Tages, dass ich nach München ziehen würde. Eine Wohnung hatte ich bereits gemietet und mir auch einen neuen Job in einer großen Buchhandlung gesucht. Mich hielt nun nichts mehr.

Heute sind seit meiner Abtreibung bereits viele Jahre vergangen. Dennoch muss ich ständig an das Kind denken, dass ich hätte haben können. Und die schlimmsten Zeiten im Jahr sind für mich der Tag, an dem ich habe abtreiben lassen, und der Tag, an dem mein Kind geboren wäre. Dann schließe ich mich in mein Zimmer ein und weine. Und mein größter Wunsch ist es, so bald wie möglich eine eigene Familie zu gründen, damit ich diesen Alptraum endlich vergessen kann.

"Auch ein Kind hätte die Ehe nicht gerettet!!"

Abtreibung: Trennung vom Baby
Übersteht eine junge Familie alle Hindernisse des Lebens?

Beate, 36 Jahre: Ich hatte gerade mein Studium der Sozialpädagogik begonnen, als ich Frank kennenlernte, der im gleichen Semester war wie ich. Ein halbes Jahr später war ich schwanger, und wir beide freuten uns auf das Kind. Unsere Familien unterstützten uns finanziell und wir gingen in den Ferien beide jobben, so konnten wir neben dem Studium unsere kleine Familie aufbauen. Nach Beendigung des Grundstudiums war ich wieder schwanger: Zu unserem kleinen Mädchen Sara kam nun ein Schwesterchen. Mit dem Studium waren wir beide noch längst nicht fertig, und das Geld wurde auch langsam knapp. Unsre Eltern begannen, rumzumotzen, denn wir lagen ihnen ja "auf der Tasche" und waren nicht einmal miteinander verheiratet.

Zwischen Kinder wickeln, stillen und Semesterarbeiten gingen wir also zum Standesamt und gaben uns das Jawort. Mit Hängen und Würgen schaffte ich schließlich den Studienabschluss, weil die meiste Arbeit mit den beiden kleinen Mäusen an mir hängen blieb. Für Frank war ja klar, dass er der "Versorger" der Familie sein würde, und dass er deshalb ungestört studieren musste. Er schaffte seinen Abschluss dann auch mit Auszeichnung.

Kurz darauf bekam Frank eine Festanstellung, und ich blieb zu Hause, um unsere beiden Töchter zu betreuen. Ein paar Jahre lang lief alles so richtig nett: Reihenhaus mit Garten, ich war Hausfrau und Mutter, Frank brachte das Geld nach Haus - die klassische Familie. Doch dann kam der große Knall: Unsere Mädchen waren gerade 6 und 8 Jahre alt, als mein Mann mir eröffnete, er hätte eine Freundin. Ich konnte es nicht glauben! Nach all den gemeinsamen Jahren, zwei gemeinsamen Kindern, dem Haus, wollte Frank jetzt ausziehen. Ich war völlig verzweifelt, am Boden zerstört.

Wochenlang heulte ich mich bei Freundinnen aus, holte mir überall Rat und Hilfe. Nach der ersten großen Depression, in der ich die "Ehebrecherin", die mir meinen Mann weggenommen hatte, am liebsten umgebracht hätte, beschloss ich, um meine Ehe zu kämpfen.

Eine ungewollte Schwangerschaft...

Mein Mann kam damals regelmäßig zu uns, um sich um das Haus und seine Töchter zu kümmern. Etwas schlechtes Gewissen hatte er anscheinend doch, denn er gab zu dieser Zeit den liebevollen Vater. Ich nutzte seine Besuche, um ihn zurückzugewinnen, bekochte und umsorgte ihn liebevoll, und zeigte mich von meiner besten Seite.

Ich weiß selbst nicht mehr ganz genau, wie es dazu gekommen war, aber irgendwann landeten wir im Bett. Ich genoss meinen Triumph, und dachte, wenn Frank noch mit mir schläft, dann würde er seine Freundin vielleicht doch noch abservieren. Ohne es zu wollen oder auch nur ansatzweise geplant zu haben, wurde ich noch einmal schwanger von Frank - zum dritten Mal!

Wochenlang grübelte ich, was ich tun sollte: Ich hatte schon zwei Kinder, die inzwischen aus dem Gröbsten heraus waren. Mein Mann, der Vater des ungeborenen Babys, war trotz unserer kleinen "Affäre" immer noch mit seiner Freundin zusammen und ich ihn so gut wie los. Hätte ich ihm jetzt von meiner Schwangerschaft erzählt, hätte er mir mit Sicherheit Erpressung vorgeworfen. Das wollte ich auf gar keinen Fall. Er sollte nicht wegen des Babys bei mir, bei uns bleiben. Still und heimlich, und ganz für mich alleine, entschloss ich mich zur Abtreibung. Natürlich war die Entscheidung schwer, und es tat weh, wenn ich an das Baby dachte. Aber nach wochenlangem Überlegen war ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich das Kind nicht wollte.

Zwei Monate nach der Abtreibung reichte Frank die Scheidung ein. Ich fühlte mich furchtbar bei diesem doppelten Verlust. Doch meine beiden süßen Mädchen erinnerten mich täglich daran, was meine Aufgabe im Leben war: Ihnen eine gute Mutter zu sein. Ich suchte mir Arbeit und fand schließlich eine Halbtagsstelle als Sozialpädagogin. Meinen Kindern und mir geht es gut, und seit kurzem habe ich einen neuen Freund. In meinem Job habe ich vor kurzem eine leitende Position übernommen und verdiene jetzt ganz gut, so dass ich mir und meinen Töchtern auch ab und zu etwas außer der Reihe gönnen kann. Von meinem Ex-Mann Frank bekommen wir nämlich so gut wie keinen Unterhalt. Von seiner damaligen "Freundin" ist er übrigens längst schon wieder getrennt.

Ich aber bin nun endlich unabhängig und selbständig, und habe die Schatten der Vergangenheit hinter mir gelassen. Noch heute bete ich jeden Tag für mein ungeborenes Baby, und hoffe, dass es mir verzeiht. Aber für mich war die Abtreibung in der damaligen Situation einfach die beste Lösung. Ich weiß nicht, ob ich es als alleinerziehende Mutter mit drei Kindern so weit geschafft hätte…

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