Abtreibung: Immer noch ein Tabu-Thema?

Abtreibungen kommen immer häufiger vor, sind aber immer noch tabuisiert.
Abtreibungen kommen immer häufiger vor, sind aber immer noch tabuisiert. © Mandatory Credit: Andres Otero/ WENN.com, AO1

Müssen Frauen ihre Abtreibung geheim halten?

Als eine der "Desperate Housewives"-Darstellerinnen ist sie schön, glamourös, stark und selbstbewusst: US-Star Vanessa Williams. Doch im wirklichen Leben ist sie jahrelang durch eine harte Schule gegangen. Jetzt gestand sie in ihren Memoiren und im Fernsehen, dass sie als Jugendliche unfreiwillig schwanger wurde und das Kind abgetrieben hat. Ein Geständnis, das immer noch bei manchen Menschen wie ein Tabubruch wirkt. Was bedeutet es eigentlich heute abzutreiben? Wie selbstbestimmt können und "dürfen" Frauen mit diesem Thema umgehen?

Von Merle Wuttke

"Wir haben abgetrieben!" - vor 41 Jahren bedeutete diese Aussage noch, dass man ausgegrenzt, beschimpft oder enterbt wurde. "Wir haben abgetrieben!" - so lautete damals, 1971, auch die berühmte Titelschlagzeile des "Stern". Die Kampagne, initiiert von Feministin Alice Schwarzer, beinhaltete Fotos und Unterschriften von verschiedenen Frauen, darunter Promis wie Romy Schneider, Senta Berger oder Veruschka. Damit sollte für die Abschaffung bzw. Reformierung des Paragraphen 218 demonstriert werden, der eine Abtreibung grundsätzlich unter Strafe stellte. Die Aktion löste eine heftige gesellschaftspolitische Debatte aus. 1972 kam die sozial-liberale Koalition an die Regierung, die versuchte, den Paragraphen zu entschärfen, aber erst vier Jahre später konnte der Bundestag eine "Reform" der Regelung verabschieden.

Seitdem gilt eine Abtreibung als rechtswidrig, bleibt aber straffrei, wenn sie in den ersten drei Monaten durchgeführt wird und die Frau sich zuvor einer Konfliktberatung unterzogen hat. Nach einer Vergewaltigung oder aus medizinischen Gründen ist eine Abtreibung dagegen erlaubt.

Für Abtreibung nicht schämen

Trotzdem, das Thema Abtreibung ist und bleibt auch nach der Emanzipationsbewegung ein Tabu. In der Öffentlichkeit wird kaum über Schwangerschaftsabbrüche gesprochen, höchstens einmal im Jahr, wenn die aktuellen Zahlen veröffentlicht werden. 2011 haben 108.867 Frauen laut Statistischem Bundesamt abgetrieben, für 40 Prozent von ihnen wäre es das erste Kind gewesen. Die meisten Frauen, nämlich 75 Prozent, die sich gegen ein Baby entschieden haben, waren dabei zwischen 18 und 34 Jahren.

Eine Abtreibung geschieht heute diskret, hygienisch einwandfrei, medizinisch reibungslos. Keine Frau muss mehr nach Holland reisen, um dort heimlich den Eingriff vornehmen zu lassen oder sich absonderlichen Methoden aussetzen. Heute geht man morgens in eine Tagesklinik und sitzt abends wieder auf der Couch. Und dennoch: Nur wenige Frauen, die abtreiben, reden auch darüber. Und wenn, dann häufig mit Unbehagen, Scham oder Schuldgefühlen, als ob sie jemanden oder etwas verraten hätten. Sogar unter guten Freundinnen ist das Thema oft ein "No-go". Zu groß ist die Scheu vor Ablehnung.

Warum können oder wollen emanzipierte Frauen von heute nicht zu einem Abbruch stehen? Ist es die Angst in Zeiten der hohen Kinderlosigkeit, als egoistische Karrierezicke dazustehen, die sich statt für ein Kind lieber für das Cabrio entscheidet? Ist es die Scham, weil heutzutage niemand mehr schwanger werden muss, der nicht will, und wenn er es dann doch wird, ihm vorgeworfen wird den "leichten" Weg zu gehen, in dem er das Problem "wegmachen" lässt?

Fest steht, psychisch kann, muss aber nicht, eine Abtreibung Spuren hinter lassen - "Post Abortion Syndrom" nennt man das. Trauer, Zukunftsängste, Schuldgefühle, Stresssymptome sind dabei die Folgen. Betroffen sind aber eher Frauen, die sich mit ihrer Entscheidung im Vorfeld nicht ausreichend genug auseinander gesetzt haben. Wer dagegen offen und selbstbewusst damit umgeht - auch vor anderen - wird wenig Schwierigkeiten haben, diese Entscheidung als Teil seines Lebens zu akzeptieren. Eine Abtreibung ist kein Höhepunkt im Lebenslauf eines Menschen, aber manchmal gehört sie eben manchmal dazu. Niemand sollte sich dafür schämen müssen oder schuldig fühlen. Diese Zeiten liegen doch eigentlich hinter uns, oder?

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