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Abstand zwischen Geschwistern: Was ist der beste Altersabstand?

Was ist der beste Altersabstand zwischen Geschwistern?

Der ideale Altersabstand bei Geschwistern – dafür gibt es wahrscheinlich genauso viele Antworten, wie es Familienkonstellationen gibt. Bei den Promis scheint man sich derzeit für eher kurze Intervalle zu entscheiden: Die Nummer 4 in der britischen Thronfolge wird etwa 2 Jahre nach der Geburt von Prinz George das Licht der Welt erblicken. Und auch Michelle Hunziker erwartet ein Frühlingsbaby – Töchterchen Sole ist gerade mal ein Jahr alt. In beiden Fällen unterstellen wir guten Gewissens, dass es sich um absolute Wunschkinder handeln wird. Was spricht für den kleinen Abstand? Und was dafür, sich bis zum nächsten Baby ein bisschen Zeit zu lassen?

Kate & William bekommen ihr zweites Kind
Bald bekommen Kate & William ihr zweites Kind © Reuters, POOL

Von: Ursula Willimsky

In Deutschland warten die meisten Eltern vier bis fünf Jahre bis zum nächsten Kind. Der große Bruder oder die große Schwester ist also schon im Kindergarten, vielleicht sogar schon in der Schule. Und die Mutter oder der Vater kann sich – zumindest vormittags – ganz und gar dem Kleinsten widmen. Oder vielleicht sogar ein paar Erholungsphasen für sich selbst abzwacken, was ja nicht ganz so leicht ist, wenn sie oder er gleich zwei Kleinkinder versorgen muss, deren Schlafrhythmen sich ja nicht unbedingt synchronisieren lassen.

Viel Stress, wenig Schlaf – so kann der Alltag mit Geschwistern mit wenig Altersabstand aussehen. Zwei Kinder, die man die Treppe hochschleppen und danach irgendwo sicher parken muss, um noch schnell die Einkäufe hochzutragen. Vielleicht brauchen beide noch Windeln und sitzen beim Spazierengehen in einer Kinderwagen-Kombi. Dann kommt schnell das Gefühl auf, dass man im Grunde eine Zwillingsmama ist.

Doch die harten ersten Monate werden auch belohnt, erzählen Eltern, die sich für die schnelle Variante entschieden haben: Irgendwann kommt nämlich der Moment, wo die Kleinen miteinander spielen. Und dann ist da immer jemand im etwa gleichen – also spieltechnisch interessanten – Alter greifbar. Was auch in späteren Jahren seine Vorteile hat: Einen Wochenend-Ausflug mit einem 8- und einem 10-Jährigen zu planen ist einfacher, als die Interessen eines 7-Jährigen mit denen eines 14-Jährigen unter einen Hut zu bringen.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für's zweite Baby?

Was die mütterlichen Hol- und Bringdienste anbelangt, kann das Kurzzeit-Modell auch punkten: Die Kinder gehen oft in denselben Kindergarten oder in dieselbe Schule – das spart Fahrzeit. Andererseits ist es natürlich auch sehr angenehm, wenn das erste Kind schon so alt ist, dass es selbsttätig zu den Freunden rollern kann, während Mama in Ruhe das Baby stillt.

Entwicklungspsychologisch gilt übrigens ein Abstand von drei Jahren als optimal: "Die enge Verbindung des ersten Kindes mit den Eltern, vor allem der Mutter, lässt in der Regel nach dem dritten Geburtstag nach. Oft tanzen die Kinder dann schon auf eigenen Hochzeiten, gehen beispielsweise in eine Kindertagesstätte und können ihre Bedürfnisse für kurze Zeit zurückstellen", sagt Prof. Hartmut Kasten, Geschwisterforscher von der Universität München, inzwischen im Ruhestand. "Ist das erste Kind beispielsweise nur ein Jahr alt, kann es nicht einordnen, warum die Mutter auf einmal so viel Zeit mit einem anderen Kind verbringt."

Eine psychologische Regel lautet: Kürze des Altersabstands kombiniert mit gleichem Geschlecht ergibt die größte Nähe zwischen den Geschwistern. Aber auch viel Konkurrenz. Kasten: "Es kann dann zu Hassimpulsen kommen, so dass man dem anderen die Butter auf dem Brot nicht gönnt." Das gelte vor allem bei gleichgeschlechtlichen Kindern. Andererseits: Bei diesen Streitereien können die Kinder prima ihr Sozialverhalten trainieren. Auch wer sich im Sandkasten schlägt, liebt sich.

Henriette Thomas vom Deutschen Hebammen-Verband – selbst Mutter von Kindern im Zwei-Jahres-Abstand - rät übrigens davon ab, dass beispielsweise die Großeltern das erste Kind von Mama und Baby abschotten: "Dann kann es viel eher dazu kommen, dass das erste Kind das kleine Geschwisterchen ablehnt." Aber Hilfe sollte sich die Familie beim zweiten Kind ihrer Meinung nach auf jeden Fall holen, egal ob es nun darum geht, Essen zu kochen, zu waschen oder auch mal das erste Kind zu betreuen.

Aus medizinischer Sicht sollte man sich bis zur nächsten Schwangerschaft etwa 12 bis 18 Monate Zeit lassen. So habe der Körper der Frau genug Zeit, sich wieder zu erholen. "Der Beckenboden muss sich wieder kräftigen, und insbesondere auch die Nährstoffspeicher für Kalzium, Vitamin D und Eisen müssen sich wieder aufbauen", sagt Stefan Skonietzki, Landesvorsitzender Berlin des Berufsverbandes der Frauenärzte. Auch nach einem Kaiserschnitt, so Experten, sollte man dem Körper etwa ein Jahr Zeit lassen bis zur nächsten Schwangerschaft.

Viele Mamas wollen ohnehin lieber mehr zeitlichen Abstand zwischen den Kindern. Oder sie werden schlichtweg erst Jahre später wieder schwanger. Weil ihr Körper das so will, oder auch, weil sie inzwischen einen neuen Partner haben. Wer sich dafür entscheidet, kann Vorteile auskosten: Er hat an Lebens- und Elternerfahrung gewonnen – und Zeit, sich jedem Kind gleich zu widmen. Vielleicht ist das erste Kind schon so groß, dass es allein zu Freunden gehen oder daheim bleiben kann, während Mama mit dem Kleinen auf diversen Babyterminen ist. Und in der Pekip-Gruppe schon mal entspannt die Kuscheldecke ausbreitet, während andere Mütter sich noch abmühen, ihre beiden Kinder aus dem Autokindersitz zu schälen. Dafür müssen – oder dürfen! - sie zweimal im Leben dem jahrelangen Reigen aus Laternen-Umzügen, Sommerfesten und Kindergartenverabschiedungen als stolze Mama beiwohnen.

Jetzt gleich ein zweites Baby – oder lieber noch warten? Bei der Entscheidung spielt natürlich auch die familiäre und berufliche Situation eine Rolle. Lieber eine lange, lange Babypause für zwei Kinder? Besser zwischendrin in den Job zurückkehren? Die Kinder schnell groß bekommen, damit man dann all das verwirklichen kann, was man als junge Eltern zurückstellt? Oder lieber auf Eile mit Weile setzen und jede Elternschaft als Solitär genießen? Fragen, deren Beantwortung so individuell ist wie jede Familie. Und wie jedes neue Baby, das in eine Familie hineingeboren wird.

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