ABNEHMEN ABNEHMEN

Abnehmen durch Achtsamkeit im Test: Helfen Atemübungen beim Gewichtsverlust?

Abnehmen mit Hypnose - geht das?
Abnehmen mit Hypnose - geht das? Statt Magenband-Operation 00:04:31
00:00 | 00:04:31

Achtsamkeit kann man lernen - und damit auch, den Hunger zu kontrollieren

Haben Sie schon einmal eine Diät gemacht, bei der Sie weder Kalorien zählen noch auf Ihre Lieblingslebensmittel verzichten mussten? Und haben Sie schon einmal in Ihren linken Fuß oder den rechten Arm geatmet? Nein? Ich auch nicht – zumindest nicht, bevor ich mich mit dem Ratgeber „Abnehmen durch Achtsamkeit“ von Norbert Seeger und Jochen Auer auseinandergesetzt habe. Das Prinzip der Achtsamkeits-Methode lautet: Finden Sie Ihr inneres Gleichgewicht und reduzieren Sie dadurch Ihr Körpergewicht. Denn laut den Autoren Seeger und Auer ist Übergewicht nicht nur davon abhängig, was wir essen, sondern auch davon, wie, wann und warum wir essen. Ein spannender Ansatz, den ich ausprobieren möchte. Wie funktioniert das Prinzip? Lerne ich durch das 8-Wochen-Programm tatsächlich, meinen Hunger zu kontrollieren und mein Essverhalten dadurch langfristig zu ändern? Und nehme ich auf diese Weise wirklich ab? Der Selbstversuch soll es zeigen.

Abnehmen durch Achtsamkeit im Test: Helfen Atemübungen beim Gewichtsverlust?
Atemübungen sollen dabei helfen, den Hunger, das Essen und damit auch das Gewicht in den Griff zu bekommen. Ob das klappt, hat Redakteurin Nora Lohner getestet.

Von: Nora Lohner

Eine wichtige Voraussetzung für das „Abnehmen durch Achtsamkeit“ ist die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und der Psyche. Die sogenannten Achtsamkeitsübungen sollen dabei helfen, entscheidende Körpersignale früher wahrzunehmen und letztlich besser unterscheiden zu können, ob man tatsächlich hungrig ist oder lediglich Langeweile oder Frust verspürt, den man durchs Essen kompensiert. In der ersten Woche steht erst einmal atmen an. Für meine Begriffe klingt das Ganze eigentlich eine Spur zu esoterisch. Dementsprechend groß ist meine Skepsis. Da ich ein Mensch bin, der lieber auf Kondition als auf Meditation setzt, habe ich bisher auch keine entsprechenden Erfahrungen beim Yoga, Pilates oder Autogenen Training sammeln können. Als sehr hilfreich in den ersten Tagen erweist sich daher die CD, die dem Buch beiliegt.

Auch negative Gefühle zulassen - und dadurch abnehmen

So setze ich mich also am Sonntag bei schönstem Sommerwetter in mein Wohnzimmer, schließe die Augen und - atme. In dieser kurzen Zeitspanne haben Stress, Hektik, Lärm und Co. im wahrsten Sinne des Wortes Hausverbot. Die Übungen sollen die Wahrnehmung schulen. Und tatsächlich – in der plötzlichen Stille nehme ich auffallend viele Geräusche wahr: das Ticken meiner Uhr, das Zwitschern der Vögel, das sonore Summen meines Laptops und meine Kaffeemaschine. Der Duft, den letztere verströmt, erscheint mir gleich viel intensiver. In Woche zwei steht abermals das Atmen im Vordergrund, dieses Mal jedoch sehr zielgerichtet. Es braucht schon ein paar Versuche, bis ich es schaffe, in den linken Fuß oder den rechten Oberschenkel zu atmen. Aber ab dem dritten Tag funktioniert es besser mit dem bewussten Atmen. Da in den acht Wochen des Programms jeder Tag mit einer mehr oder minder kurzen Atemübung – die Länge kann nach Belieben und Zeit variiert werden – beginnt, kann ich diese im Laufe der Zeit perfektionieren. An Tag 5 klappt es endlich mit dem Abschalten auf (CD-Player-)Knopfdruck.

Da viele Menschen – und da bilde ich leider keine Ausnahme – nicht nur essen, wenn sie hungrig sind, sondern gern auch dann, wenn sie Appetit verspüren, unterscheiden Seeger und Auer zwischen verschiedenen Hungerarten: Magen-, Augen- und Gefühlshunger. In den Wochen drei, vier, fünf und sechs soll ich anhand verschiedener Übungen lernen, die drei Hungerarten voneinander zu unterscheiden. Magenhunger ist der eigentlich richtige oder körperliche Hunger. Diesen nehmen manche als Magenknurren wahr, andere als ein Gefühl gähnender Leere. Ich gehöre eindeutig zur Gruppe der Menschen, bei der auch die Umwelt mitbekommt, wenn sie Hunger haben. Mein Magenknurren ist legendär und in der Regel kaum zu überhören. In der dritten Woche notiere ich jeweils, wie ich den Hunger wahrgenommen habe, was ich gegessen habe und ob ich aufgehört habe zu essen, als ich satt war. Das war bislang häufig nicht der Fall, sondern sieht dann normalerweise eher so aus: Es meldet sich der absolute Riesenhunger, folglich muss eine große Pizza bestellt werden, die locker zu Hälfe gegessen wird. Der Gedanke „Ein Stückchen geht noch“ treibt dann ein weiteres Viertel der Pizza in den Magen, obwohl schon eine deutliche Sättigung zu spüren ist – aber es schmeckt halt so lecker. Bei Viertel Nummer vier der großen „Diabolo“ kapituliere ich dann aber doch – mit der regelmäßigen Einsicht, dass es die Hälfte auch getan hätte. Hier habe ich also tatsächlich ein wenig Schulungsbedarf. In Woche vier steht der Augenhunger im Vordergrund: Damit ist letztlich der Hunger oder vielmehr Appetit gemeint, der sich einstellt, wenn man jemanden mit einem Eis oder einer Tüte Pommes in der Hand sieht und denkt „lecker, das will ich auch“. Auch ihm soll ich mit einer Art Tagebuch auf die Schliche kommen und lernen, „stopp“ oder „nein“ zu sagen, um ihn schließlich in den Griff zu bekommen.

Viele Menschen mit Gewichtsproblemen kompensieren schwierige Situationen wie Stress, Konflikte oder Streit mit Essen. Seeger und Auer sprechen in diesem Fall von Gefühlshunger. Gebe ich dem nach geht es mir zwar besser, da das Essen für eine kurzzeitige Befriedigung sorgt. Das eigentliche Problem habe ich dadurch aber natürlich nicht gelöst, sondern allenfalls erfolgreich verdrängt. Eine Art Protokoll soll auch hier helfen, kritische Situationen zu identifizieren, die den Gefühlshunger auslösen und in denen ich folglich zum Essen greife, ohne „richtigen“ beziehungsweise Magenhunger zu haben. So lerne ich nach und nach die Faktoren kennen, die den Gefühlshunger bei mir auslösen.

Ganz wichtig ist es laut den Autoren, auch negative Gefühle zuzulassen und sie anzunehmen. Anstatt dem Gefühlshunger mit Essen nachzugeben übe ich nach und nach ein alternatives Verhalten ein. Dafür muss ich mir im Vorfeld Dinge überlegen, durch die ich mich in belastenden Situationen ablenken können – das kann ein Telefonat mit einer Freundin, ein Spaziergang im Park oder – ganz lapidar – Blumen gießen sein. Dies alles soll mich in die Lage versetzen, mich in belastenden Situationen aktiv für oder gegen das Essen zu entscheiden. Auch bestimmte, selbst formulierte Sätze sollen helfen, mein Vorhaben durchzuhalten und mir zwischendurch immer wieder vor Augen zu führen, dass ich die Wahl habe, ob, was, wann und wie viel ich essen will.

In Woche sieben geht es darum, die eigenen Grenzen abzustecken. Auch das ist wichtig, um sich selbst zu schützen und nach Möglichkeit gar nicht erst in Situationen zu gelangen, die einem Unbehagen bereiten. Wann wird mir etwas zu viel? Wie äußert sich das? Welche Gefühle gehen damit einher? Laut Seeger und Auer ist es wichtig, eine Art eigenen Schutzraum zu definieren und dessen Grenzen genau abzustecken. Auch darauf soll ich mich anhand verschiedener Übungen eine Woche lange konzentrieren.

In der achten und damit letzten Woche stehen Übungen im Vordergrund, die das Mitgefühl und Verständnis für andere – und auch für mich selbst – steigern sollen. Ziel ist es zu erkennen, dass nicht immer alles super läuft und auch nicht super laufen muss. Eine gar nicht so unwichtige Erkenntnis und Lektion für Perfektionisten wie mich. Letztlich kommt es immer nur darauf an, was man aus den Gegebenheiten macht. Nach insgesamt vier Wochen – und damit der Hälfte der empfohlenen Zeit – kann ich sagen, dass mir das Buch dabei geholfen hat, gewisse Verhaltensmuster bei mir selbst zu erkennen. Insgesamt sind sogar zwei Kilo gepurzelt. Dazu muss ich allerdings fairerweise sagen, dass ich mich im Normalfall schon relativ gesund ernähre – bis auf das ein oder andere Stück Schokolade am Abend oder Kuchen am Wochenende oder beim Geburtstag von Freunden und Kollegen. Und genau hier würde ich den einzigen Kritikpunkt sehen: „Abnehmen durch Achtsamkeit“ schult zwar die Wahrnehmung und somit die Sinne. Dadurch genießt man mehr, lernt, bewusster zu essen und ist dadurch auch eher satt. Zudem lernt man – zumindest, wenn man regelmäßig übt und fleißig Protokoll führt – negative Gefühle zuzulassen und besser mit ihnen umzugehen, anstatt sie letztlich durch Essen zu betäuben oder zu verdrängen.

Allerdings: Es sind rein theoretisch alle Lebensmittel erlaubt. Wer sich also überwiegend von Fast Food oder Fertigprodukten ernährt und daran nichts ändert, wird es schwer haben, die überflüssigen Pfunde loszuwerden – Atemübungen hin oder her. Doch in Kombination mit einer ausgewogenen Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukten und Ballaststoffen ist die Methode durchaus zum Abnehmen geeignet. Nicht zuletzt deshalb, weil man durch die Sinnesschulung Düfte und Geschmäcker viel intensiver wahrnimmt und so per se weniger Lust auf ungesundes Essen hat. Für mich jedenfalls war „Abnehmen durch Achtsamkeit“ eine neue, aber sehr aufschlussreiche Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

Anzeige