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Abgelaufene Lebensmittel: Wegwerfen oder essen?

Tipps: So machen Sie Lebensmittel länger haltbar!
Tipps: So machen Sie Lebensmittel länger haltbar! 81 Kilo Essen kippt jeder Deutsche in die Tonne 00:03:58
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Abgelaufene Lebensmittel: Wegwerfen oder essen?

Ups, und schon wieder ist der Joghurt im Kühlschrank abgelaufen, ab in die Tonne! Oder in der Obstschale schimmeln die Mandarinen vor sich hin. Auch das Brot, steinhart, weil es in den letzten Tagen doch nicht gegessen wurde. Ausnahmen? Nein, leider Realität in deutschen Haushalten. Da wundert es auch nicht, dass satte 81,6 Kilo Essen jährlich im Müll landen. Wir werfen essen weg, während andere hungern.

Abgelaufene Lebensmittel: Wegwerfen oder essen?
© dpa, A2931 Bernd Weißbrod

Von Merle Wuttke

Ich komme aus einer Familie, in der immer gern und gut gekocht wurde. Und immer sehr viel. So, dass grundsätzlich etwas von den Mahlzeiten übrig blieb. Weggeworfen wurde das aber nie: Meine Mutter war Flüchtlingskind, die weiß noch, wie sich echter Hunger anfühlt und würde es niemals über Herz bringen, Lebensmittel in den Müll zu tun, nur weil man satt ist. Stattdessen aßen wir in den nächsten Tagen oft die Reste, zusammen gemixt zu irgendeinem Fantasie-Gericht. Schmeckte auch gut.

Wenn ich heute lese, wie viel Essen wir Deutschen im Jahr einfach wegwerfen, wird mir dagegen schlecht. Als ob Lebensmittel so etwas wie Toilettenpapier wären. Essen ist doch so etwas Grundsätzliches, damit muss man sorgsam umgehen. Wenn ich koche, und die Kinder mal wieder meckern, weil es keine Pizza gibt, und es ihnen angeblich „nicht schmeckt“, müssen sie trotzdem essen. Das mag pädagogisch nicht besonders wertvoll sein, aber eine kleine Portion soll aufgegessen werden. Das, finde ich, sind sie der Tatsache schuldig, dass sie in diesem Land nicht hungern müssen und - auch der Köchin gegenüber. Meine Kinder sollen lernen, vor dem Essen Respekt zu haben. Sie sollen wissen, wo es her kommt, was es ist und wie es hergestellt wird. Deswegen fahren wir auch mehrmals im Jahr zu dem Bio-Bauernhof, bei dem wir unsere wöchentliche Gemüsekiste beziehen. Ich weiß, das ist Luxus. Ich weiß, in einer Familie, die Hartz IV bezieht, interessiert die wenigsten, woher ihr Essen kommt, sondern, dass überhaupt etwas auf dem Tisch steht. Aber wenn sich diese Menschen es sich nicht leisten können, auf ihr Essen zu achten, dann sollte es dafür der finanziell besser gestellte Rest der Gesellschaft umso mehr tun! Oder?

Abgelaufene Lebensmittel landen schnell im Müll

Jetzt im März, geht es doch schon wieder los mit dem Wahnsinn – auf dem Markt oder im Supermarkt liegen die ersten Erdbeeren in den Auslagen. Erdbeeren! Jetzt! Was soll der Mist? Zugegeben, ich kaufe auch im Winter Tomaten. Und ärgere mich danach, weil sie meist sowieso nicht schmecken und ich lieber eine Tomatensauce hätte nehmen sollen. Ansonsten versuche ich immer nur das einzukaufen, was wir wirklich brauchen, aber klar: Auch mir verschimmelt mal das Gemüse, weil ich es nicht rechtzeitig verarbeitet habe, oder die Augen waren größer als der familiäre Hunger und es ist viel zu viel im Kühlschrank. Und jedes Mal ärgere ich mich über mich selbst, wenn ich diese Lebensmittel dann in den Müll geben muss.

Es ist auch erst ein paar Wochen her, dass ich mitbekommen habe, wie viele Lebensmittel von den Supermärkten entsorgt werden, weil sie kurz vor dem Ablaufen sind, bzw. einfach optisch nicht mehr so viel hermachen. Und dass es Menschen gibt, die in den Müllcontainern der Märkte gezielt nach diesem Essen suchen. Gut, das wäre nichts für mich. Aber immerhin machen diese Leute auf das Problem aufmerksam. In dem Bio-Markt, in dem ich normalerweise einkaufe, haben sie jetzt auch ein kleines Regal mit reduzierten Lebensmitteln, etwa, wenn die Milch nur noch zwei Tage haltbar ist – offiziell. Als ich das erste Mal diese Sachen aufs Band an der Kasse gelegt habe, mit dem fetten „50 Prozent weniger“-Aufkleber oben drauf, schämte ich mich ein wenig. Von wegen: "Die muss abgelaufenes Essen kaufen." Mittlerweile macht es mir regelrecht Spaß, nach diesen Produkten zu gucken. Denn diese Lebensmittel sind immer noch jeden Cent wert. Sogar mehr, finde ich.

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