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Ab in den Urlaub - oder: "Mamaaaa, wann sind wir endlich dahaaa?"

Ab in den Urlaub - oder: "Mamaaaa, wann sind wir endlich dahaaa?"

Vielleicht hilft Yoga-Atmung?

Es ist Samstagmorgen, halb zehn, und ich steige nass geschwitzt ins Auto. Zum dritten Mal an diesem Tag. Neben mir grinst mich der große Mann breit an: "Haben wir jetzt endlich alles? Oder willst du vielleicht nochmal hoch?" Von hinten ruft der kleine Mann: "Boah, Mama, wann sind wir endlich da? Ich hab Hunger!" Ich bücke mich nach vorn und fange an zu wühlen. Zum ersten Mal an diesem Tag. Und es werden noch viele Male folgen, denn: Wir fahren in den Urlaub! Hurra...

Von Britta Dorn

Die Fahrt dauert nicht lang, nur eine dreiviertel Stunde bis zum Flughafen. Das ist doch ein Zuckerschlecken, denke ich. Ich wühle in meinem perfekt gepackten Rucksack und zaubere dem kleinen Mann eine Banane hervor. Ich lehne mich zurück und versuche mich zu entspannen und mich in Urlaubsstimmung zu versetzen. Vielleicht hilft mir die Yoga-Atmung? "Mama, jetzt hab ich Durst!" Ich beuge mich wieder vor und wühle eine Flasche Wasser heraus. Nochmal zurücklehnen, einatmen, ausatmen.

Dann endlich – eine gefühlte Ewigkeit später – der Flughafen. Nur viereinhalb Stunden und dreizehn Mal wühlen später landen wir – nein, falsch, nicht am Urlaubsziel. Denn nicht wie alle anderen wollen wir nach Mallorca oder Kreta (wo wir jetzt schon längst ins Meer springen könnten), sondern an einen ganz einsamen Ort. Einsame Orte haben allerdings den Nachteil, dass sie meistens irgendwie ziemlich abgelegen sind. Unser einsamer Ort auch. Deshalb fahren wir noch eine Stunde mit der Fähre (das Kind mittlerweile mit Kopfhörern und Hörspiel sediert) und danach noch mit einem Schnellboot weiter. Nach insgesamt zehn Stunden erreichen wir unser Ziel. Aber es hat sich gelohnt – wir sind im Paradies!

Da der große Mann fast nichts dem Zufall überlässt, hat er unser Domizil mit Bedacht (und der Hilfe eines Familien-Reiseveranstalters) ausgewählt. Und das zahlt sich jetzt aus: Hier gibt es nicht nur jede Menge Natur und den Atlantik vor der Tür, sondern auch einen wunderbaren Raum mit der Aufschrift "Kinderhaus" und einer liebevollen Lehramtsstudentin, die sich ganze vier Stunden am Tag um die wilde Rasselbande kümmert. Der kleine Mann ist sofort Feuer und Flamme, meine Bedenken (Rabenmutter-Syndrom: Kann man sein vierjähriges Kind SOGAR im Urlaub fremd betreuen lassen oder muss man nicht wenigstens dort JEDE einzelne Sekunde mit ihm verbringen?) sind wie weggeblasen, ich stürze mich in die Wellen und genieße.

Alles ist nur eine Momentaufnahme

Das Tolle an Familien-Reisen ist, dass dort auch andere Familien sind. Gut, es ist ein bisschen wie eine Wundertüte: Man weiß nie, was man bekommt. Aber in der Regel ist doch mindestens eine Familie dabei, die ähnlich tickt wie man selbst. Welche das ist, finde ich schon am ersten Tag heraus. Familie eins hat vier Kinder, alles Jungen. Nette Kinder, nette Eltern, könnte was werden. Wobei Eltern mit mehr als zwei Kindern meistens auch keine anderen Interessen mehr haben als ihre Kinder.

Familie zwei hat ein Mädchen, sieben Jahre alt, Einzelkind. Für das Prinzesschen wurde extra ein großes Glas Nutella eingeführt, da "die Merle ja nichts anderes isst". Das Glas wird zu allen Mahlzeiten mitgebracht und dem Kind nach halbherziger Diskussion um Gurken und Tomaten als Alternative angeboten. Es isst zu allen Mahlzeiten Weißbrot mit Nutella. Ich frage mich, ob Familie zwei auch Abführzäpfchen dabei hat.

Familie drei hat zwei Kinder, ein sechsjähriges Mädchen und einen vierjährigen Jungen. Beim ersten gemeinsamen Essen sitzen die vier in inniger Eintracht am Tisch – mindestens eine halbe Stunde lang! Wir schaffen das maximal fünf Minuten lang. Dann hängt der kleine Mann im besten Fall unterm Tisch und füttert Ameisen oder führt im schlimmsten Fall einen lautstarken Ich-mag-nicht-mehr-essen-und-ruhig-sitzen-schon-garnicht-Tanz auf. Ich schaue verlegen zu Familie drei rüber, wir lachen uns – zunächst verhalten – an und ich weiß sofort: Ja, euch mag ich. Denn alles ist nur eine Momentaufnahme, und das wissen wir.

Als wir abreisen, steht Familie drei an der Kaimauer und winkt uns hinterher. Wir hatten wundervolle Tage zusammen und der kleine Mann seine erste Urlaubsliebe (unser Vierjähriger steht offenbar auf ältere Mädchen!). Während ich mir die Tränen verdrücke, blickt er gefasst zurück. Der Ausdruck in seinem Gesicht ist unheimlich erwachsen. Der große Mann küsst mich und wir freuen uns - über die schöne Zeit und über unseren großartigen Sohn. Ich schaue auf die E-Mailadresse in meinem Notizbuch und weiß: Dieses Mal werde ich mich melden. Ganz sicher.

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