84-Jährige tritt aus Kirche aus - aus Liebe zu ihren homosexuellen Enkeln

Maries Brief
Auszug von dem Brief, den Marie an ihre Kirche geschrieben hat. © Enough is Enough - open your mouth

Großmutter hat zwei homosexuelle Enkel

Seit ihrer Geburt ist Marie Mitglied in der evangelischen Kirche. Doch mit 84 Jahren beschließt sie, auszutreten. Nicht, weil sie nicht mehr an Gott glaubt, sondern weil sie die Haltung ihrer Kirche zu Homosexuellen nicht teilt. Als Pastor Gero Cochlovius Homosexualität als Sünde bezeichnet, spürt Marie: Das ist nicht mehr meine Kirche. Zwei Enkel von ihr sind schwul und sie möchte nicht, dass sie in einer homophoben Welt leben.

Ihrer Kirche hat Marie nach ihrem Austritt einen Brief geschrieben, in dem die 84-Jährige sehr persönlich begründet, warum sie ausgetreten ist. 'Enough is enough – open your mouth', eine private Initiative, die sich gegen Homophobie einsetzt, hat ihren Brief auf ihren Wunsch veröffentlicht. "Ich habe zwei Enkel, welche beide homosexuell sind. Wir haben ein sehr enges Miteinander und ich erlebe, wie sie leben. Sie leben in einer glücklichen, seit Jahren bestehenden Beziehung, in der sie füreinander da sind. Sie kümmern sich um mich und helfen mir bei alltäglichen Dingen. Ich kann mich auf sie verlassen. Beide haben einen guten Beruf und kümmern sich im Sportverein und der Freiwilligen Feuerwehr um ihre Mitmenschen", schreibt Marie.

Grund ihres Austritts sei ein Bericht im Fernsehen, den sie am 7. April gesehen habe. Darin sprach Pastor Gero Cochlovius aus der evangelischen Martins-Kirche Hohnhorst in der Nähe von Hannover davon, dass man Homosexuellen "Hilfe zur Heilung" anbieten solle und dass es richtig sei, "praktizierte, ausgelebte Homosexualität" als Sünde zu bezeichnen, denn sie entspreche nicht dem Willen Gottes. Marie kommt aus einer Nachbargemeinde und teilt die Auffassung des Pastors überhaupt nicht: "Homosexuelle als Sünder zu bezeichnen und 'Heilung' anzubieten, ist unverantwortlich. Gerade junge, unsichere Menschen, die keinen grenzenlosen Rückhalt in der Familie genießen, werden durch Aussagen, wie die des Herrn Cochlovius auf einen brandgefährlichen Weg gebracht. Verunsicherung? Umerziehung? Destabilisierung? Sind das christliche Werte? Wenn Menschen glücklich sind, sich lieben und sich um ihre Nächsten kümmern, dann kann es keine Sünde sein."

Sünde sei stattdessen, gegen andere zu hetzen, schreibt sie weiter: "Hat der Herr Cochlovius nicht aus unserer Geschichte gelernt? Wo Juden, Roma, Homosexuelle und kranke Menschen verfolgt und getötet wurden? Wenn es den Gott gibt, an den wir glauben, dann hat er die Menschen so erschaffen wie sie sind." Doch nicht nur die Aussagen eines einzelnen Pastors hätten sie zu ihrem Kirchenaustritt veranlasst. Sie vermisse einen "Aufschrei" ihrer Gemeinde oder der Evangelischen Kirche in Deutschland. Die Kirche hätte sich von diesen Aussagen distanzieren sollen, stellt sie klar. Und deswegen wird Marie von jetzt an zu Hause beten.

Anzeige