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6-Stunden-Arbeitstag bei vollem Lohn: Ein Modell auch für Deutschland?

Arbeitszeiten sind nicht mehr zeitgemäß, Schweden begrüßt 6-Tage-Woche
Eine Frau sitzt Kaffee trinkend vor ihrem Laptop © picture alliance / Bildagentur-o

In 6 Stunden so effizient wie Fulltime?

Nur sechs Stunden am Tag arbeiten und dabei im Grunde das Gleiche schaffen wie an einem "normalen" Acht-Stunden-Tag: dieses Modell wird derzeit mal wieder heiß diskutiert. Die Schweden – wer sonst? – machen's vor. Der Gedanke dahinter sieht in etwa so aus: Wer von vorneherein weiß, dass er weniger Zeit für seinen Job zur Verfügung hat, erledigt das, was zu tun ist, effizienter. Das ist an sich nix neues. Jede Mutter, die Teilzeit arbeitet, wird das bestätigen können. Die meisten von ihnen haben ohnehin das Gefühl, genauso viel zu leisten wie die Vollzeit-Kollegen (gefühlt landen ja auch genauso viele Aufträge auf ihrem Schreibtisch). Unterschied: Die Teilzeit-Mama bekommt weniger Geld. In Schweden dagegen gibt´s das gleiche Geld für weniger Arbeitszeit.

Von Ursula Willimsky

Selbst in den USA, die ja nicht immer als Mutterland der Familienfreundlichkeit zitiert werden, gibt es inzwischen etliche Firmen, die ihre Angestellten gerne seltener als früher sehen. Häufig sind sie in der IT-Branche angesiedelt. Die neuen Arbeitszeiten helfen ihnen, begehrte Fachleute zu ködern und im Unternehmen zu halten: Drei Tage volle Pulle Kreativität und dann vier Tage daheim ausspannen mit Freunden, Familie und Facebook & Co.

Die kurze Woche hat viele Freunde. Unter anderem einen Mann namens Carlos Slim. Der mexikanische Multimilliardär ist überzeugt, dass sich die neuen Jobmodelle sogar finanzieren lassen. Man müsse nur das Rentenalter ein bisschen anheben. Dagegen stehen Vorteile wie: Mehr Freizeit, größere Lebensqualität, viel Raum für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie (auch für die Väter!) – und vermutlich sogar mehr Jobs.

Einer der nordischen Vorzeigebetriebe ließ früher acht Stunden am Tag produzieren – jetzt laufen dort zwei Schichten á sechs Stunden (jeweils mit Vollzeit-Gehalt). Die Maschinen sind besser ausgelastet, die Menschen weniger belastet – alles prima. Angeblich, so sagen Mitarbeiter und Geschäftsführer, wird einfach weniger Zeit vertändelt.

Hmmm. Irgendwie klingt da ein Unterton mit: Wenn man in acht Stunden tatsächlich auch nicht mehr schafft als in sechs Stunden – heißt das dann, dass all die Vollzeitbeschäftigten ein Viertel ihrer Arbeitszeit am Kaffeeautomaten vertrödeln? Sich ständig üppige Auszeiten gönnen, um ihren privaten Instagram-Account auf den neuesten Stand zu bringen?

Immer weniger Leute wollen "nur für den Job leben"

Und wie passt das mit der Tatsache zusammen, dass zum Beispiel in Deutschland mehr Überstunden gefahren werden als irgendwo sonst auf der Welt? Laut Statistik hat jeder Arbeitnehmer in Deutschland im vergangenen Jahr 27,8 unbezahlte und 21,1 bezahlte Überstunden geleistet, was sich unter anderem zu stolzen 806 Millionen bezahlten Überstunden zusammenläpperte. Bedeutet das, dass hierzulande reihenweise die Arbeitgeber behumpst werden, weil trödelige Arbeitnehmer sich für ihren Job gerne mal neun oder zehn Stunden Zeit lassen? Schwer vorstellbar. Vermutlich ist einfach zu viel Arbeit für den einzelnen da.

Aber gehen wir einfach mal davon aus, dass sich ein Teil dieser Arbeit tatsächlich in weniger Zeit erledigen ließe. In manchen Branchen würde es wahrscheinlich genügen, ein paar regelmäßige Meetings zu streichen … aber in anderen Branchen? Würde da nicht der Leistungsdruck wachsen? Menschen sind keine Maschinen, ein kleines Päuschen im Erfrischungsraum kann die Moral stärken. Wer immer sechs Stunden hocheffizient durchpowert, dem bleibt keine Zeit mehr für den Plausch mit den Kollegen. Den muss er dann in seiner – in dem Falle dann ja üppigeren – Freizeit erledigen. So gesehen wäre das heimische Kaffee-Kränzchen mit Frau Schulze aus der Strickwarenabteilung quasi der Preis, den man für die reduzierte Arbeitszeit zahlen müsste.

In Schweden experimentieren sogar staatliche Institutionen mit der Reduzierung. In einem Altenheim können einige zufällig ausgewählte Pflegekräfte bei gleichem Gehalt auf einen 6-Stunden-Tag wechseln – zunächst im Rahmen eines zeitlich begrenzten Versuchs. Das kostet natürlich, man hofft aber, dass sich die Kosten durch größere Motivation und Zufriedenheit amortisieren.

In den 90er-Jahren gab es diesen Ansatz schon einmal, er scheiterte, weil zu teuer. Andererseits: Die aktuellen schwedische Erfahrungen zeigen, dass in Sechs-Stunden-Betrieben die Leute seltener krank sind und generell zufriedener. Vielleicht hat das Model ja heute bessere Chancen als vor zwanzig Jahren: Die Zeiten haben sich geändert – und die Ansprüche an die Arbeitswelt auch. Immer weniger Leute wollen "nur für den Job leben". Auch in Deutschland nicht. Vielleicht können wir uns tatsächlich bald auf schöne neue Arbeitszeiten freuen. Mit größerer Lebensqualität, ein paar neuen Kollegen und dennoch genügend Geld zum Leben.

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