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5 Lektionen, die ich durch mein Baby lernte

Sebastian Priggemeier, Priggemeier, Teambilder Frauenzimmer
Sebastian Priggemeier © Stefan Neumann Fotografie

Das zweite Wort ist 'Nein' - bin ich wirklich ein Diktator?

Vater zu sein hat mich verändert. Präziser ausgedrückt: Meine Tochter Lene hat mich verändert. Die Kleine ist wie ein Spiegel, in dem ich mich selbst erkenne. Manchmal ist sie auch einfach ein fieser, mopsiger Sklaventreiber, der mir kaum Atempausen gönnt. Aber ganz oft ist sie wie ein kleiner Buddha – knapp zehn Kilogramm fleischgewordene Weisheit mit subtilen Botschaften.

Von Sebastian Priggemeier

Lektion 1 – Genieße jede freie Sekunde

Zeit ist knapp. Und nichts ist so knapp, wie die Zeit für mich selbst. Also bin ich gezwungen, jeden Augenblick der Ruhe auszukosten, als wäre es mein letzter Moment auf Erden. Das Baby schläft? Oh mein Gott, wie herrlich diese Ruhe ist! Seit ich Vater bin, sauge ich die Stille regelrecht auf. Ich wechsele innerhalb von Sekunden vom Stressmodus in den Relaxmodus. Geht auch gar nicht anders. Schließlich kann jeden Moment alles vorbei sein. Genau wie das Leben an sich. Memento mori.

Lektion 2 – Achte auf deine Worte und Taten

Plötzlich ein Vorbild zu sein - damit muss man auch erstmal klar kommen. Einfach mal in Babys Anwesenheit ein Putzmittel benutzen und wieder unter die Spüle stellen? Besser nicht. Das Kind wirkt vielleicht schwer beschäftigt, aber es beobachtet jeden Handgriff. Lene (16 Monate) bedient Herd und Waschmaschine jedenfalls schon wie ein Profi. Welche Konsequenzen das eigene Handeln hat, wird erschreckend deutlich, wenn Babys erstes Wort "geil" ist. Und das zweite Wort ein sehr herrisches "NEIN". Bin ich wirklich so ein autoritärer Diktator?

Lektion 3 – Verliebe dich in Kleinigkeiten

Das Kind kann laufen! Toll! Gar nicht toll: Es möchte auch die Strecke vom Supermarkt bis nach Hause laufen – und bleibt an jedem Zigarettenstummel stehen wie ein Forscher, der zufällig auf ein Dinoskelett gestoßen ist. Eigentlich ist gerade das aber doch ziemlich toll, denn es zeigt: Selbst eine weggeworfene Kippe lässt sich bestaunen. Seit dieser Aktion sehe ich Blumen mit anderen Augen. Manchmal setze ich mich jetzt auch einfach hin und staune fünf Minuten lang über eine Blüte – oder über einen schönen Stift. Ommm!

Mein Gott, habe ich Glück, dass dieses Kind gesund ist!

Lektion 4 – Das Leben ist kein Wettlauf

Die Einsicht kam mir im Behandlungszimmer: Entwicklungen brauchen einfach Zeit. Ich hatte gerade die Kinderärztin gefragt, ob es normal ist, dass meine Tochter noch keinen einzigen Zahn hat. Sie sagte nur ein Wort: "Abwarten." Kurzer Händedruck und Tschüss. Eine Woche später waren die ersten vier Mausezähne da. Mein Learning: Das ganze Vergleichen bringt nix. Nachbarskind Pepe kann schon laufen, Abteilungsleiter Paul hat einen Porsche. Unnötiger Quatsch, der einfach nur stresst. Alles hat seine Zeit.

Lektion 5 – Dankbarkeit, Dankbarkeit, Dankbarkeit!

Mehrmals pro Woche liege ich nachts im Bett, höre Baby Lene ganz leise schnarchen und denke: Mein Gott, habe ich ein Glück, dass dieses Kind gesund und munter ist, dass meine Frau gesund und munter ist. Und dass ich einen kleinen Menschen beim Aufwachsen beobachten darf.

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