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40 Stunden in der Kita - wie viel Kindertagesstätte verträgt ein Kind?

Kita und Kindertagesstätten sind für viele eine Notwendigkeit
Die längste durchschnittliche Betreuungszeit vereinbarten die Eltern im Saarland mit mehr als 45 Wochenstunden. © picture alliance / Bildagentur-o, Bildagentur-online/Tetra-Images

Eine Woche wie ein Arbeitnehmer - muten wir unseren Kleinen etwa zuviel zu?

Die neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes sagen, dass Kinder durchschnittlich 38 Wochenstunden in der Kita verbringen. Das ist auf den ersten Blick ganz schön viel. Muten wir den Knirpsen etwa zu viel zu?

Amelie von Kruedener

Moderne Kleinkinder und Babys haben am Freitagabend eine echte Arbeitswoche hinter sich. Fünf Prozent der Kita-Kinder werden maximal 25 Stunden pro Woche betreut. Für 15 Prozent sind zwischen 25 und 35 Stunden vereinbart. Für 81 Prozent wurde eine Betreuungszeit von mehr als 35 Stunden festgelegt.

In Sachsen schicken Eltern ihre Kinder unter drei Jahren im Durchschnitt für 41,6 Wochenstunden in die Kita. Die längste durchschnittliche Betreuungszeit vereinbarten die Eltern im Saarland mit mehr als 45 Wochenstunden, die kürzeste in Bayern mit 31,5 Stunden. Was für erschreckende Zahlen, wenn man sich diese kleinen hilflosen Erdenbürger vorstellt. Aber ist das wirklich so schlimm, sind Mütter und Väter, die Vollzeit arbeiten, Rabeneltern? Müssen sich diese Eltern zu Recht ein schlechtes Gewissen einreden? Oder können die Kleinen viel besser damit umgehen, als wir meinen?

Der Kinderarzt Remo H. Largo, der Bücher wie 'Babyjahre' und 'Kinderjahre' geschrieben hat, meint, dass es nicht so eine große Rolle spielt, wer nach dem Kind schaut, wenn die Bezugsperson zuverlässig ist und die Betreuung gut. Erst seit dem zweiten Weltkrieg reduzieren wir im westlichen Kulturkreis die Erziehung auf die Eltern, im Besonderen auf die Mutter. Ein Job, der ohne Selbstaufgabe kaum zu erfüllen ist. Natürlich gibt es Frauen, die in der Fürsorge für ihre Kinder völlig aufgehen. Viele Frauen, die mit ein oder zwei Kindern zu Hause sitzen, fühlen sich jedoch nicht erfüllt, sondern schlichtweg schlecht.

In unserer Gesellschaft wird die Mutterrolle immer noch, teilweise hinter vorgehaltener Hand, verherrlicht. Dabei ist es für Frauen ebenso wichtig wie für Männer, Befriedigung und Selbstwertgefühl aus einer erfüllenden Aufgabe zu erhalten. Und die liegt für viele eben auch in der Arbeitswelt. Aus einer Schweizer Studie geht hervor, dass fast die Hälfte der Mütter, die für ihre Vorschulkinder zu Hause blieben, latent depressiv war. Manche Mütter sind aber auch einfach finanziell gezwungen zu arbeiten, und sollten sich nicht mit einem schlechten Gewissen quälen müssen.

Dazu zeigt ein Blick in die Vergangenheit, dass Kinder durchaus eine gesunde und glückliche Entwicklung haben können, wenn sie kompetent und liebevoll von einer anderen Bezugsperson als ihrer Mutter versorgt werden. Eine Betreuung nur durch die Mutter war in den meisten Zeiten der Menschheitsgeschichte unrealistisch. Blickt man zurück, so wurden Kinder immer von verschiedenen Bezugspersonen betreut, sei es die Tante, die Großmutter, Bekannte, Nachbarn oder geht man noch weiter zurück, irgendjemand der Sippschaft.

Zuverlässigkeit und Zeit sind das Fundament einer gute Entwicklung

Das Wichtigste für Kinder, und da sind sich Eltern und Erziehungsexperten einig, ist Kontinuität. Bezugspersonen müssen verlässlich sein und Zeit mitbringen. Kitagruppen, die gut geführt sind und eine angemessene Kinderzahl haben, bieten den Kleinen einen guten Rahmen, um sich zu entwickeln.

Vor über hundert Jahren warnte der Kinderarzt Eduard Habenbach-Burckhardt in seinem Ratgeber 'Krippen und ihre hygienische Bedeutung' die Betreuungspersonen davor, sich zu schnell um schreiende Babys zu kümmern. Mit dem Lehrsatz aus seinen Büchern 'Die frühzeitige Entwicklung des kindlichen Gehirns ist von Übel' haben die heutigen Kitas nichts mehr zu tun. Als die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen Kitaplätze für Ein- bis Dreijährige forderte, ging die Diskussion um das Für und Wider erneut los. Auch das Betreuungsgeld lässt viel Raum für Streit um die Kinderbetreuung.

Auch die Ergebnisse einer Langzeitstudie bieten Stoff für kontroverse Meinungen. Lieselotte Ahnert hat viele Jahre über in Krippen geforscht und nach der Wende das Interdisziplinäre Zentrum für Angewandte Sozialisationsforschung geleitet, das Studien zur Frühentwicklung von Kindern durchführte. In der über mehrere Jahre dauernden Untersuchung hat sich Ahnert intensiv mit den Spät-Folgen bei Kindern, die in Kindertagesstätten betreut wurden, beschäftigt.

In der Studie begleitete sie über 1.000 Neugeborene bis in deren Pubertät. Eines der Ergebnisse: Mit viereinhalb Jahren, so berichteten die Kindergärtnerinnen der begleiteten Kinder, seien die Kinder „weniger fügsam“. Befürworter von Kitas werten diese Aussage als Selbstbewusstsein, die Fraktion der Gegner sehen es hingegen als ein Anzeichen von Aggressivität. Die Interpretation der Studienergebnisse ist also sehr ambivalent. Ein weiteres wichtiges Ergebnis dieser Studie ist, dass Kinder, die in einer großen Gruppe betreut wurden, als sie klein waren, sich wesentlich aggressiver zeigten, als Kinder, die in Kleingruppen aufwuchsen.

Die Betreuung in einer überschaubaren Größe ist in sämtlichen Untersuchungen immer wieder der Schlüssel für eine qualitativ gute und unterstützende Betreuung für die Kleinsten.

Dass wir die Betreuung in Kindertagesstätten brauchen, ist unbestritten, denn sie trifft einen Nerv der modernen Arbeitswelt. Liegt das Geheimnis also einfach nur in der Größe der Gruppen? Alle Zeichen sprechen dafür. Fehlt also nur noch die Entscheidung der Politik mehr Geld zu investieren, um diese teureren, gut geführten kleinen Kitagruppen flächendeckend zu finanzieren? Auf jeden Fall sollten Eltern aufhören, sich ein schlechtes Gewissen einreden zu lassen, dass ihre Kinder einen schlechteren Start ins Leben hätten, wenn sie 40 Stunden von der Kita-Tante betreut werden.

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