25 Jahre Fall der Mauer: 2 Frauenleben im Ost-West-Vergleich

25 Jahre Mauerfall: 2 Frauenleben im Ost-West-Vergleich
25 Jahre Mauerfall: 2 Frauenleben im Ost-West-Vergleich

Die unterschiedlichen Biographien zweiter Karriere-Frauen und Mütter

Die eine sagt: "Ich würde schon behaupten, dass ich eine Rabenmutter war." Die andere sagt: "Wie alle in meiner Generation habe ich meine Kinder ganz selbstverständlich sehr früh bekommen. Nur deshalb kann ich jetzt diese Führungsposition ausfüllen.“ Beide Frauen haben auf den ersten Blick ähnliche Biografien: Verheiratet, Kinder noch während des Studiums oder am Anfang der Berufstätigkeit, heute leiten sie wissenschaftliche Institutionen. Und doch fühlt sich ihr Leben ganz anders an. Die eine war in den frühen 90er-Jahren als berufstätige Mutter dreier Kinder die "große Ausnahme", die "das damals seltene Glück hatte, von ihrem Partner unterstützt zu werden." Die andere "kannte überhaupt keine klassische Hausfrau, das gab es in meinem Umfeld nicht." Dabei lebten und leben beide in Deutschland. Mit dem Unterschied, dass sich das Deutschland von Dr.-Ing. Sabine Sändig einmal DDR nannte, und das Deutschland der Dipl.-Geografin Uta Bauer Bundesrepublik. 25 Jahre nach dem Mauerfall haben wir die beiden Frauen gebeten, Zwischenbilanz zu ziehen über zwei Leben, die hüben wie drüben anstrengend waren. Und schön.

Von Ursula Willimsky

Mehr als 28 Jahre hatten Mauer und Todesstreifen Deutschland geteilt. Am Abend des 9. November 1989 wurde die hermetische Grenze geöffnet. Mit der Mauer fiel ein ganzes politisches System. Im Leben unzähliger Menschen wurden die Weichen neu gestellt.

Sabine Sändig, damals Mitte 20 und Mutter einer ein- und einer dreijährigen Tochter, nahm die umwälzenden Ereignisse nur am Rande wahr: "Ich bin im Oktober 1989 nach einem Jahr Babypause wieder in den Beruf eingestiegen - als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsbereich Lasermaterialbearbeitung. Zwei kleine Kinder, die Eingewöhnungsphase für die Kleine in der Krippe, ein neuer Job – das hat mich total gefordert. Die Wende ist bei mir in einen Lebensabschnitt gefallen, in dem ich mit Nestbau und Berufsstart beschäftigt war. Ich konnte die Demonstrationen nur am Bildschirm verfolgen, Fahrten zu den Zentren der sogenannten Montagsdemos wie Leipzig waren für mich von Ilmenau aus nicht drin. Ein Auto hatten wir nicht."

Aber die Veränderungen bekam sie dennoch schnell zu spüren: "Von einem Tag auf den anderen standen komplett andere Babynahrungsmittel in der Kaufhalle. Und dann gab es die Kaufhalle nicht mehr. Und so vieles war neu, das fing schon bei der Frage an, was ist eine Krankenversicherung und welche ist die richtige für uns. Das alles musste ich herausfinden."

"Ich sollte etwas studieren, von dem ich gar nicht wusste, was es war."

Sollte sie die Zeit des politischen Umbruchs nutzen, um doch noch ihren Kindheitstraum zu verwirklichen, der ihr zu DDR-Zeiten verwehrt wurde? Die Frau, die gerade ihre Promotion in Fertigungstechnik begann, wollte eigentlich Ärztin werden, das hatte sie schon sehr früh für sich beschlossen. Ihre Schulnoten sprachen für sie: Mit einem Durchschnitt von 1,0 erfüllte sie alle Voraussetzungen, um auf die gymnasiale Oberstufe zu wechseln. Aber zunächst wurde sie nicht zugelassen. Die offizielle Begründung: ihre Teilnoten in Sport. Der Arbeiter- und Bauernstaat wolle nicht nur die geistige, sondern auch die körperliche Elite fördern. Sabine, die wegen gesundheitlicher Probleme nicht an allen Sportarten teilnehmen konnte, fiel durchs Raster.

Erst nach mehreren Eingaben durfte sie doch noch auf die Oberschule, die sie wieder mit 1,0 abschloss. Eine Bewerbung zum Medizinstudium schied dennoch aus: Das Kind zweier Akademiker hatte sich einen Beruf ausgesucht, der als "nicht volkswirtschaftlich wichtig" eingestuft war. Technische Berufe hingegen wurden gefördert. Da Sabine auch Spaß an Naturwissenschaft und Technik hatte, bewarb sie sich für den innovativen Studiengang "Medizintechnik". Wenn schon keine Arbeit mit den Patienten, dann doch wenigsten für die Patienten. Erst am Tag ihrer Abiturfeier erfuhr sie, dass sie zwar an ihrer Wunschhochschule angenommen war, aber nicht für das Wunschfach, sondern für "Gerätetechnik“"oder nichts. "Ich sollte etwas studieren, von dem ich gar nicht wusste, was es war!" Ihre Mutter überzeugte sie schließlich: "Gut, du weißt nicht, was es ist. Also kannst du auch gar nicht wissen, ob es dir nicht doch gefällt!"

"Die Frauen aus der ehemaligen DDR handelten oft sehr pragmatisch. Die machten einfach ohne zu Murren. Angela Merkel ist dafür ein Prototyp. Und wenn sie nach der Wende arbeitslos wurden, haben sich viele von ihnen einfach etwas komplett anderes gesucht." Uta Bauer kennt viele dieser patenten Wende-Frauen. Als Mit-Autorin der Studie "Das volle Leben! Frauenkarrieren in Ostdeutschland" interviewte die Diplom-Geografin im Auftrag des Bundesministeriums des Inneren unzählige Frauen. Auch Jahrzehnte nach dem Mauerfall fielen ihr noch große Unterschiede in deren Selbstdefinition auf. "Die Frauen aus dem Osten gingen mit dem Kinderkriegen viel selbstverständlicher um – der Gedanke, dass man aus dem Berufsleben ausscheidet, weil man Mutter wird, ist ihnen völlig fremd." Heute sind nur 16 Prozent der ostdeutschen Frauen zwischen 17 und 29 Jahren bereit, für ihre Kinder ihre Arbeit aufzugeben. Im Westen sind es 37 Prozent.

Das Leben in der DDR war auf Familien ausgerichtet, in denen beide Elternteile arbeiten

25 Jahre Fall der Mauer: 2 Frauenleben im Ost-West-Vergleich

2008 besetzten Frauen im Osten 30 Prozent der Spitzenposten, in den alten Bundesländern 24 Prozent. 70 Prozent der Managerinnen im Osten haben Kinder, im Westen sind es nur 36 Prozent. „Die meisten Männer, die in Ostdeutschland sozialisiert wurden, finden es ganz normal, wenn sie eine Chefin haben. Frauen sind dort in der Arbeitswelt präsenter“, sagt Expertin Bauer.

Sie selbst hat in ihrem Leben andere Erfahrungen gemacht – sie war das, was sie heute ironisch eine "Rabenmutter" nennt (ein West-Ausdruck übrigens, den Frauen, die in der DDR groß wurden, oft gar nicht kennen). Um die Wendejahre herum – 1985, 1992 und 1994 – bekam sie "en Passant" Kinder und ging direkt nach dem Mutterschutz wieder arbeiten. In Westdeutschland war sie damit die große Ausnahme. Sie startete ihre Karriere zu einer Zeit, in der in der Bundesrepublik berufstätige Frauen oft noch als die galten, die einem Mann den Job wegnehmen. Ihr Gatte hingegen wurde im privaten Umfeld beklatscht: "Der arme Mann, was der nebenher noch im Haushalt alles leisten muss!" Im Beruf dagegen "musste er sich rechtfertigen, dass er früher gehen muss, weil die Kinderbetreuung schließt. Aber das ist ja heute immer noch ein Thema." Wie wichtig der Rückhalt im Privaten ist, betont auch Sabine Sändig: "Ohne Mann, der bei Kindererziehung und Haushalt hilft, ging es auch im Osten nicht. Und auch bei uns war dies nicht für alle Männer eine Selbstverständlichkeit."

Dabei war das Leben in der DDR ausgerichtet auf Familien, in denen beide Elternteile für Geld arbeiteten. In den Plattenbausiedlungen waren die Küchen winzig – gegessen wurde ja in der Kantine oder in der Schule. Babypausen waren verpönt. Vollbeschäftigung das Ziel. Beide Systeme hatten ihren ganz eigenen gesellschaftlichen Druck, so formuliert es Bauer: Im Westen war es die Notwendigkeit, das Kind mittags vom Kindergarten abzuholen oder nach der Schule irgendwie betreut zu bekommen. Im Osten war es die Erwartung, Vollzeit zu arbeiten. Allerdings war dadurch die Mehrzahl der Frauen auch wirtschaftlich unabhängig. Die unterschiedlichen Familien-Modelle wirken bis heute: ostdeutsche Mütter sind auch 2014 noch mehr als doppelt so häufig in Vollzeit erwerbstätig als westdeutsche Frauen mit Kindern.

Nach der Wende verloren viele Männer ihre Jobs

Auch Sabine Sändig kannte den Beruf "Hausfrau" nicht. Nicht von ihrer Mutter, die als Lehrerin arbeitete. Und nicht von ihren Freundinnen, die alle arbeiten gingen. Externe Kinderbetreuung war eine Selbstverständlichkeit. Im Studentenwohnheim für Familien wurde gemeinschaftlich abgesprochen, wer wann die Kleinen beaufsichtigte, die im Gemeinschaftsflur tobten. Die Krippe war im selben Gebäude. "Das war toll, man musste sich nie Gedanken machen, wer sich um die Kinder kümmert, falls man einen unvorhergesehenen Termin hat", erinnert sich die 50-Jährige.

Nach der Wende arbeiteten viele Frauen weiter – und viele Männer wurden arbeitslos. So wie bei Sabine Sändig. Ihre Promotionsstelle an der Uni hielt die Familie in einer Zeit über Wasser, als ihr Mann, ein Diplomingenieur, "arbeitslos" wurde - ein völlig neues Wort für die Sändigs. Doch noch Medizin zu studieren, war nun nicht mehr möglich, auch wenn ihr Mann nach den ersten "Wendewirren" wieder eine neue Stelle fand und heute selbst in verantwortlicher Position ist.

Sändig nutzte die Chancen der neuen Reisefreiheit, besuchte Kongresse und Tagungen. Zur Lasermesse nach München trampte die junge Wissenschaftlerin, weil sie kein Geld für das Bahnticket hatte. Als Expertin für Lasermaterialbearbeitung machte sie ihren Weg. Bis 2002 forschte und lehrte sie an ihrer Universität. Dann war sie bei der Technologiestiftung des Freistaates Thüringen verantwortlich für den Bereich Produktionstechnik. Seit 2007 leitet sie als Geschäftsführerin das ifw Günter-Köhler-Institut für Fügetechnik und Werkstoffprüfung, eine der außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Jena.

Beide Frauen starteten ihre berufliche Laufbahn unter völlig unterschiedlichen Bedingungen. Hier die große Entscheidungsfreiheit, dort die Chance, aus dem, was ist, das Beste zu machen. Uta Bauer genoss die Freiheit in der Berufswahl und die Möglichkeit, ihre Tage selbstbestimmt in mehrere Segmente aufzuteilen. "Als berufstätige Mutter lernt man, höllisch effektiv zu sein." Sabine Sändig sieht ihre frühe Mutterschaft, wie sie in der DDR üblich war, als großen Vorteil: "Selbst mit der besten Kinderbetreuung könnte ich die Aufgaben, die ich heute habe, nicht bewältigen. Nicht mit meinen Ansprüchen und nicht ohne die Gefahr, dass eine der beiden Seiten - meine Familie oder meine Mitarbeiter - zu kurz kommen würde. Jetzt habe ich die Erfahrung und die Zeit dazu."

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