17-Jährige lehnt Chemo ab: Wie weit kann und darf die Selbstbestimmung Jugendlicher gehen?

Entscheidung über das eigene Leben

Der Fall, der gerade in den USA diskutiert wird, ist extrem. Die 17-jährige Cassandra Fortin aus Connecticut hat Krebs, im September wurde bei ihr ein bösartiger Tumor im Lymphsystem festgestellt. Sie will sich nach zwei Behandlungs-Einheiten nun keiner Chemotherapie mehr unterziehen, da sie die Nebenwirkungen nicht erträgt. Ihre Mutter unterstützt ihre Entscheidung. Die Jugendbehörde des Ostküstenstaates ist damit nicht einverstanden, da der Abbruch der Chemotherapie nach Meinung der Ärzte zum Tod der Patientin führen wird. Der Mutter wurde deshalb das Sorgerecht vorübergehend entzogen und die Tochter gegen ihren Willen in einer Klinik weiter behandelt.

Was darf ein Teenager selbst entscheiden
Die 17-jährige Cassandra Fortin wird zur Chemo gezwungen. © Cassandra Fortin/Facebook

Von Christiane Mitatselis

Cassandra Fortin, die im September 18 Jahre alt wird, wurde von der Polizei abgeholt. Während der Chemotherapie musste sie ans Bett gefesselt werden, da sie sich heftig wehrte. Die Mutter klagt gegen die Behörden, ihre Tochter werde wie eine Gefangene gehalten, sagt sie. Ein Gericht wird bald über den Fall entscheiden. Der Teenager lehnt die Chemotherapie nicht aus religiösen, sondern aus persönlichen Gründen ab. "Sie hat immer schon gesagt, schon vor Jahren, dass sie, falls sie Krebs hätte, ihren Körper nicht vergiften wollte", berichtet ihre Mutter.

Der Fall ist – wie gesagt – extrem, denn es geht um Leben oder Tod. Da die Patientin kein kleines Kind mehr ist, dürfte sie die Konsequenzen ihres Handelns kennen. Es ist deshalb nachvollziehbar, dass die Mutter die Entscheidung trägt und ihr Kind nicht zu etwas zwingen will, das es ablehnt. Auch wenn es sehr hart ist, da die Tochter sterben kann.

Es kommt immer auf die Einzelsituation an

Eltern von Teenagern müssen auch in anderen Fällen schwierige, wenn auch nicht ganz so krasse Entscheidungen, fällen. Was tun, wenn die minderjährige Tochter schwanger ist und gern Mutter werden will? Ihr trotzdem zur Abtreibung raten, weil man der Meinung ist, dass es ihr an Reife fehlt. Oder sie unterstützen, da es ihre Entscheidung ist? Wahrscheinlich ist es in einem so schwerwiegenden Fall das Beste, den Rat eines Jugendpsychologen einzuholen.

Ein harmloserer Fall: Was tun, wenn sich ein Minderjähriger ein Tattoo auf den Arm stechen lassen will? Es verbieten, da er es sein Leben lang nicht mehr los wird und noch nicht abschätzen kann, was das bedeutet. Oder es erlauben, weil er die Freiheit hat, seinen Körper so zu bearbeiten, wie es ihm gefällt? Eltern, die den Eindruck haben, dass ihr Kind nur einer Laune folgt, werden die Tätowierung vermutlich verbieten. Beschäftigt sich das Kind aber schon lange mit dem Thema, ist es sein sehnlichster Wunsch, sich den Arm verschönern zu lassen, dürften sie eher zustimmen.

Oder: Was sollten Eltern tun, wenn das Kind die Schule abbrechen will, da es sie nicht mehr erträgt? Akzeptiert man seine Entscheidungsfreiheit – oder versucht man, den Teenager zu seinem 'Glück' zu zwingen? Fast alle Eltern dürften zu Letzterem tendieren – es sei denn, das Kind kann eine Alternative vorschlagen, etwa eine Ausbildung, die zu ihm passt.

Es gibt stets zwei Pole: Auf der einen Seite steht die persönliche Freiheit des Teenagers, der über sein Leben bestimmen will. Auf der anderen Seite die Pflicht der Eltern, für das Wohl des Kindes zu sorgen. Wo hört das eine auf, wo fängt das andere an? So muss im Einzelfall abgewogen werden: Kann der Teenager die Konsequenzen seines Handelns abschätzen? Oder müssen die Eltern korrigierend einschreiten, da er nicht weiß, was er tut. Ein solcher Prozess läuft selten konfliktfrei ab, da Teenager meistens der Meinung sind, dass sie genau wissen, wo es lang geht – und die Eltern keine Ahnung haben. Umgekehrt gibt es Eltern, die sich schwer in die Lage eines jüngeren Menschen versetzen können und seine Freiheit nicht respektieren wollen. Alles in allem sind Eltern um solche Entscheidungen nicht zu beneiden. Natürlich besonders dann, wenn es wie im Fall der krebskranken Cassandra Fortin um Leben oder Tod geht.

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